Bürgerkrieg in Syrien : Moderne Waffen, dreckige Hände

Jedes Tun hat Folgen - jedes Nichtstun aber auch: mehr Tote, mehr Elend, mehr Radikalisierung. Es ist höchste Zeit, dass Amerika, Israel und die Nato deutliche Signale aussenden, auch an die Adresse Russlands.

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Nackt und grausam sind die Zahlen, statistische Größen in einem bilderlosen Krieg. An einem Tag sind es 141 Tote, am folgenden 201, am nächsten 152. Dann ein Ausschlag nach oben: 566 Leichen werden gefunden, dann einer nach unten: 81. So geht es Woche für Woche, Monat für Monat. Rund 100 000 Syrer sind bereits gestorben, etwa 1,5 Millionen sind auf der Flucht.

Und die Folgen? Kinder wachsen in Zeltlagern auf, in ihren Köpfen spuken Szenen des Grauens, vom Westen fühlen sie sich verlassen. Warum habt ihr in Libyen interveniert und nicht bei uns, fragen sie. Es gibt Berichte über Rebellen, die den Getöteten ihre Organe mit Dolchen herausschneiden. Truppen der Regierung wiederum wird der Einsatz von Giftgas vorgeworfen. Wir leben in einer Welt, die all das duldet, weil sie ratlos ist.

Wenn aber in zehn oder zwanzig Jahren amerikanische oder europäische Städte von Terroranschlägen heimgesucht werden, soll sich niemand wundern, wenn er auf ähnliche Täterbiografien stößt. Perspektivlos in einem Flüchtlingslager in der Wüste gelebt, große Teile der Familie ermordet, ideologisch infiziert von islamistischen Dschihadisten, radikalisiert im Straßenkampf gegen das Regime.

Deutschland hat gerade 100 Millionen Euro für die Stabilisierung Malis zugesagt – auch als Beitrag im Kampf gegen den Terrorismus. Doch wenn es um Syrien geht, wiederholt Außenminister Guido Westerwelle immer nur sein Gemurmel von der „Notwendigkeit einer politischen Lösung“.

Dabei ist die Strategie der Eindämmung des Konflikts längst gescheitert. Israel fliegt Angriffe auf Waffenlieferungen an die Hisbollah, vom Golan aus werden Raketen in Richtung Israel abgeschossen, die Türkei sieht sich immer heftiger involviert, Jordanien trägt ein Gros der Flüchtlingslast, der Libanon zerfällt, Russland liefert hochmoderne Luftabwehrraketen an das syrische Regime, der Iran mischt kräftig mit, von Saudi-Arabien unterstützte Sunniten-Milizen beteiligen sich auf der Gegenseite. Immer brisanter wird die Lage. CIA-Direktor John Brennan traf jetzt überraschend zu Krisengesprächen in Israel ein.

Dort nämlich ist man hochgradig nervös. Die russische Flugabwehr in den Händen Assads könnte es für israelische Kampfjets künftig unmöglich machen, Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden. Das beträfe auch die Weitergabe chemischer Kampfstoffe. Es wäre blauäugig, in einer solchen Lage seine Hoffnungen allein auf die geplante Syrien-Konferenz zu setzen. Stattdessen müssen die USA, Israel und die Nato deutliche Signale in Richtung Damaskus, Teheran und Moskau senden. Als da wären: Keine einseitige Aufrüstung Assads, keine Waffen an Extremisten, keine Ausweitung der Kriegshandlungen über Syriens Grenzen hinaus!

Es mag sein, dass die Folgen eines stärkeren Engagements, das die Möglichkeit einer begrenzten Intervention durchaus einschließt, nicht absehbar sind. Doch die Folgen keines stärkeren Engagements sind sicher – mehr Tote, mehr Elend, mehr Radikalisierung, mehr Internationalisierung. Wer handelt, obwohl er die Folgen nicht genau abschätzen kann, übernimmt ein hohes Maß an Verantwortung. Wer nicht handelt, obwohl eine Eskalation droht, begeht eine Unterlassungssünde. Sauber bleiben die Hände weder so noch so.

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