Bürgermeisterwahl : Wowereit oder Künast? Der Berliner Straßenkampf

Der Druck auf Renate Künast, sich zu erklären, wächst. Mancher meint, sie könne schon längst nicht mehr zurück. Klaus Wowereit hat sich zudem längst auf das Duell eingestellt und erhöht schon mal den Druck.

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Schmusekurs war mal. Jetzt plant Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 anzutreten.Alle Bilder anzeigen
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21.10.2010 08:53Schmusekurs war mal. Jetzt plant Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD)...

Das soll keiner gering schätzen. Menschen auf der Straße mit unverstelltem Charme für sich einnehmen, das kann Klaus Wowereit. In den vergangenen Wochen hat der Regierende Bürgermeister das auf seinen Bezirkstouren gezeigt, vor wenigen Tagen erst in Steglitz-Zehlendorf. Man kann diese Visiten ärgerlich nennen, weil es für einen Regierungschef selbstverständlich sein muss, sich ständig um die Probleme der Bezirke zu kümmern und vor Ort aufzutauchen – ohne den Gestus eines Staatsbesuchs. Aber so inhaltsarm und flaneurhaft diese Besuche in den Bezirken sind, so klar ist die Botschaft: Ich bin schon da.

Klaus Wowereit, tief gefallen in der Gunst der Berliner, kämpft. Zu lange hat er zu viel auf seine Karriere in der Bundespartei geschaut und zu wenig auf die Probleme der Berliner, das S-Bahnchaos etwa oder die winterglatten Straßen und nicht geräumten Gehwege. Vertrauen ist schnell verspielt, es zurückzugewinnen, doppelt schwer. Der Bauchpolitiker Wowereit weiß das. Will er im Herbst 2011 noch einmal gewinnen in Berlin, muss er jetzt schon mit dem Wahlkampf beginnen. Denn gewinnen muss er, wenn er noch etwas werden will im Bund.

Etwas werden im Bund, das hat Renate Künast längst geschafft: die frühere Bundesvorsitzende, Ex-Bundesministerin und jetzige Fraktionschefin der Grünen im Bundestag gehört zu den zehn wichtigsten Politikern der Bundesrepublik – auf Augenhöhe mit den Chefs der Volksparteien und der Bundeskanzlerin. Die Herausforderung Hauptstadt bedeutet zunächst einmal: eine Rückkehr dorthin, von wo sie einst weg wollte – in die Ebenen der zuweilen ziemlich langweiligen Landespolitik und zu einem nicht gerade einfach gestrickten Landesverband zwischen liberalem Bürgertum und Spätautonomen wie Christian Ströbele. In Berlin antreten als Herausforderin von Klaus Wowereit, das ist wie ein Wechsel von Real Madrid zur zweitklassigen Hertha.

Ändern tut daran nichts, dass die Aussichten für die Berliner Grünen hervorragend sind: In den Umfragen liegen sie gleichauf mit der SPD. Das ist nicht Frucht überzeugender und ideenreicher Arbeit, im Gegenteil. Der Höhenflug bei den Wählern gründet stark auf der Zugkraft einer als sympathisch und kompetent geltenden Renate Künast, obwohl die zu ihren Plänen noch beharrlich schweigt. Nie waren die Chancen so gut für die Grünen, erstmals in einem Bundesland den Regierungschef zu stellen.

Da kann ihr schon bange werden. Immerhin kann es der Beginn einer Ära sein oder das Ende der Karriere. Wenn Renate Künast hier antritt, wird sie vorher ihren Fraktionssitz aufgeben und sich von der Bundespolitik verabschieden müssen: Ohne Rückfahrkarte. Denn nach einer Niederlage im Herbst 2011 wieder zu verschwinden, das verziehen die Berliner nicht. Es kann für die grüne Heilsbringerin nur schwerer werden, wenn sie erst einmal hier ist und gemessen wird an ihren Initiativen, auch wenn Berlin profitieren könnte vom Ringen mit Wowereit um die besten Ideen für die Hauptstadt.

Der Druck auf Künast, sich zu erklären, wächst. Mancher meint, sie könne schon längst nicht mehr zurück. Dagegen spricht freilich die mögliche politische Dynamik im Bund, wo beim anhaltenden Niedergang von Schwarz-Gelb ein neues rot-grünes Bündnis erstmals wieder eine Mehrheit bei den Wählern hätte. Klaus Wowereit hat sich zudem längst auf das Duell eingestellt und erhöht schon mal den Druck. Juniorpartner der Grünen unter einer Regierenden Bürgermeisterin Renate Künast zu sein, diese Vorstellung ist für die seit 1989 durchgehend in Berlin mitregierenden Sozialdemokraten unerträglich. Grüne Themen besetzen, linkes Profil zeigen, das ist die erkennbare Marschroute der SPD: etwa mit der Betonung der sozialen Stadt, Rückkaufplänen für kommunale Versorger oder einem schnell gestrickten Integrationsgesetz.

Der Kampf wird auf der Straße ausgetragen. Da kann das Wahlkampftier Klaus Wowereit ganz grob sein. Ich freu mich drauf, antwortet er beständig auf die Perspektive eines Duells mit Künast. Das bedeutet: Pass bloß auf.

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