Meinung : Bundesliga-Finale: Fußball wie im Rausch

Fußball ist ein Spiel für 22 Personen - und am Ende gewinnen die Bayern. Der leicht abgewandelte Spruch des englischen Fußballstars Gary Lineker passt zwar als Wort zum Finaltag. Aber er klingt zu nüchtern, um die Dramatik dieses letzten Spieltags zu erfassen. Und auch wenn die Bayern mit Blick auf das Champions-League-Endspiel am Mittwoch nicht groß feiern wollen - diese Saison war ein langer Rausch. Dank des Meisters, der dem deutschen Fußball international neue Hoffnung gab. Dank einer deutschen Fünferbande, die mit der europäischen Spitzenmannschaft aus München mithielt, bis am Ende nur noch die traurigen Schalker übrig blieben.

Selten war eine Saison so spannend. Selten war der Fußball so aufregend, so schnell, so glamourös. Wer mag da noch die üblichen Verdächtigungen über ausufernden Kommerz und geldgierige Stars hören? Wer sehnt sich da noch nach den alten Zeiten mit Rehhagels Blutgrätsche und Netzers wehendem Haupthaar? Nostalgie trübt den Blick für das Neue, das anders ist, aber nicht schlechter.

Die Wärme des Vertrauten ist dem Reiz des Exotischen gewichen. Die Helden kommen nicht mehr aus der Region, sondern aus der ganzen Welt. Das hat die EU mit ihrer Rechtsprechung durchgesetzt. Hohe Ablösesummen und Gehälter, Kolonnen von Nullen, gehören zum Zahlenspiel des Fußballs wie Tabellenplatz und Tordifferenz. Dass auch Millionäre und Legionäre zu Identifikationsfiguren taugen, beweisen Spieler wie Ebbe Sand (Dänemark/Schalke 04), Vasile Miriuta (Rumänien/Energie Cottbus) oder Giovane Elber (Brasilien/Bayern München). Dass sie bei schlechten Leistungen als Millionarios und Söldner geschmäht werden, ist nur legitim. Denn die Spieler sind keine kleinen Angestellten, sondern Subunternehmer, die für ihr Produkt geradestehen müssen. Sie halten Berater, Agenten und Therapeuten in Lohn und Brot. Dem muss eine europaweite Regelung über Kündigungsfristen und Vertragssicherheit Rechnung tragen. Die Fans wollen nicht, dass in jeder Saison eine neue Mannschaft aufläuft.

Die Fans werden mündig. Organisationen wie das "Bündnis aktiver Fußball-Fans" oder "Pro 15.30" werden von den Vereinen und vom Deutschen Fußball-Bund als Gesprächs- und im Fall des Protestes gegen die Sonntagsspiele sogar als Verhandlungspartner ernst genommen. Fanzines wie "Schalke Unser" oder St. Paulis "Übersteiger", selbstproduzierte Magazine von Fans für Fans, sind etablierte unabhängige Foren. Im Internet kommunizieren Fußballfans auf Hunderten von Homepages von antibayern.de bis world-wide-werder.

Die Fans im Stadion entdecken ihre Macht. Sie werden gebraucht, auch wenn ihr Anteil am Umsatz bei einem Verein wie Bayern München in 20 Jahren von 80 auf 18 Prozent geschrumpft ist und Stehplätze von VIP-Logen verdrängt werden. Wer würde eine teure Stadion-Loge für Geschäftsleute kaufen, wenn im Stadion nur Geschäftsleute wären? Das fragt Nick Hornby, englischer Romancier und FC-Arsenal-Fan in "Fever Pitch". Die Vereine haben gelernt, dass die Zuschauer auf den teureren Plätzen nicht nur wegen Effenberg und Preetz kommen, sondern auch wegen der Leute, die viel Lärm um Effenberg und Preetz machen: der Fans in den Kurven. Für Radio und Fernsehen liefern sie Atmosphäre frei Haus. Und bezahlen sogar noch dafür. Deshalb kümmern sich die Vereine mit Fanbeauftragten um ihre Klientel. In einigen Vereinen sitzen Fan-Vertreter im Aufsichtsrat und praktizieren eine bescheidene Form von Mitbestimmung.

Es bewegt sich was im Fußball. Die Freude auf die neue Saison beginnt schon jetzt - auch wenn am Ende wieder die Bayern gewinnen.

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