Bundespräsidentenwahl : Mehr Zeit wagen

Kommenden Mittwoch geht es in der Bundesversammlung um die Revitalisierung des Präsidentenamts, das im Moment in Auflösung begriffen scheint. Die Kandidaten Joachim Gauck und Christian Wulff haben eine faire Betrachtung verdient.

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Das Amt ist wichtig, aber ja doch. Das Amt des Bundespräsidenten ist nicht nur was für Grußhansel, Frühstücksdirektoren oder für die, die auf diplomatischem Parkett nicht gleich ausrutschen. Nein, Repräsentation dessen, was die neue deutsche demokratische Bundesrepublik sein will, erfordert auch Bereitschaft zur Demut.

Wer das Amt ausfüllen will, richtig ausfüllen will, muss es nehmen, wie es gemeint ist. Und das ist nicht notwendigerweise der gute Ersatz-König oder der gute Ersatz-Papa, das Rollenmodell Richard von Weizsäcker oder Theodor Heuss. Gesucht wird einer, der bereit ist, dem nachzuspüren, das aufzuspüren, was unser Gemeinwesen stärker und was es schwächer macht, um dann treffgenau das anzusprechen, darauf aufmerksam zu machen, es zur Diskussion zu stellen. Frei nach Brecht: Weil wir dies’ Land verbessern wollen.

Darum muss es jemand sein, der (oder die) Verbindung zu den Menschen aufnimmt, ihre Stimmung und Stimmungen auf sich wirken lässt, sie durchdenkt und darein Zeit investiert. Das ist etwas, was die aktive Politik nicht im Übermaß zur Verfügung hat. Der Präsident soll Herr über seine Zeit sein, sich dem Diktat der Eile nicht beugen, sondern den Mut haben, gerade das Gegenteil zu tun: aus der Zeit zu fallen. Um ihr nicht hinterherzulaufen oder sich dem Zeitgeist anzuschmiegen, sondern um das Erlebte in die Politik, die gestaltende, zu kanalisieren; nicht um zu regieren, sondern um sie zu motivieren. Kein Kanzler im Quadrat ist die Aufgabe, auch keine Politik ex cathedra, sondern das moderierte öffentliche Colloqium. Es ist nie nur eine Rede, die entscheidet.

Wer das Amt übernimmt, darf daher nicht in erster Linie sich selbst wichtig nehmen. Der Respekt der Bürger wird dem gelten, der das Amt als Integrationsagentur versteht, in des Wortes vielgestaltiger Bedeutung. In dieser Hinsicht hatte Roman Herzog immer recht. Der Präsident darf genau nicht dem zeitgenössischen Unwillen der Deutschen allen Parteien gegenüber nachgeben; sie sind notwendiger Teil des Ganzen. Vielmehr kann er zur Versöhnung mit der Politik und den sie tragenden Personen beitragen. Politik ist nötig, manchmal langweilig, in jedem Fall langwierig, und Erfolge sind schnell, zu schnell konsumiert. Hier um Verständnis zu werben, kann dem gelingen, der sich aus dem Alltag ein Stück weit herauszieht, ohne sich dabei über die Manager des Alltags zu erheben. Überheblichkeit, und das wäre es dann, ist kein Zeichen von Souveränität. Oder geistiger Freiheit.

Joachim Gauck und Christian Wulff haben eine faire Betrachtung verdient. Der eine, Wulff, ist mit seinen Begabungen als Kandidat nicht bloß Ergebnis des Parteienproporzes zur Rettung der Regierung, der andere, Gauck, nicht nur als Erlösung von der schwarz-gelben Koalition gedacht. Sie sind mehr als Funktion – müssen es aber auch sein. Denn kommenden Mittwoch geht es in der Bundesversammlung um nicht weniger als die Revitalisierung des Präsidentenamts. Im Moment erscheint es wie in Auflösung begriffen, sowohl im Inneren als auch nach außen. Der nächste Bundespräsident wird also von entscheidender Bedeutung für den Fortbestand der im Grunde bewährten Institution werden. Und damit für die Stabilität dessen, was das Grundgesetz für die demokratische Verfassung des Staates als gut ansieht.

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