Bundestagswahl : Brandenburger Wegweisung

Matthias Platzeck hat es erneut geschafft, seine Sozialdemokraten wieder zum Sieg zu führen. Was die SPD vom Sieg ihres Ex-Vorsitzenden Matthias Platzeck mitnehmen könnte.

Thorsten Metzner

Hoppla, es geht ja doch. Wenigstens Brandenburg bleibt rot, ein Trostpflaster für die so geschundene Seele der deutschen Sozialdemokratie, die von Wahl zu Wahl neue Tiefstwerte einfährt: Matthias Platzeck hat es erneut geschafft, seine Sozialdemokraten wieder zum Sieg zu führen. Schon 2004 hatte er seine Partei gerettet, die im Volkszorn über die Schröder’schen Hartz-Reformen unterzugehen drohte. Alles ein Sonderfall, weil Platzeck eben ein Siegertyp ist, der letzte Ausnahmepolitiker Ostdeutschlands?

Nun stimmt es ja, Brandenburg ist sein Revier. Von der Konkurrenz kann ihm niemand das Wasser reichen, macht es ihm niemand streitig. So seltsam es anmuten mag, welches Vertrauen der Regierungschef bei seinem Wahlvolk genießt: Es ist auch hart erarbeitet. Mit einem spürbaren Aufschwung des Landes, das nicht mehr hinter Sachsen und Thüringen herhinkt, nicht mehr mit gescheiterten Großprojekten für Schlagzeilen sorgt, als Aufsteiger gilt. Aber auch mit einem – trotz erster Verschleißerscheinungen und Tendenzen zur Schönfärberei – immer noch glaubwürdigen Impetus von Politik.

Auch diesmal hat Platzeck kein Schlaraffenland versprochen, die Märker darauf eingeschworen, dass der Wettbewerb nach der Krise noch härter wird. Und natürlich hat sein Erfolg im Mauerfall-Jubiläumsjahr auch mit der Aufnahme von Ost-Befindlichkeiten zu tun, mit dem Gespür für gewachsenes Selbstbewusstsein ohne Nostalgie. Nur, ist es für den Rest dieser Republik überhaupt von Belang, wenn die Brandenburger den „Brandenburger“ gewählt haben? Vielleicht lohnt gerade jetzt, wo in der SPD die Debatten beginnen, um das eigene Koordinatensystem, um das Verhältnis zu den Linken in und außerhalb der Partei, ein genauerer Blick in die Hauptstadtregion um Berlin. Hier regiert mit Platzeck nämlich auch einer, der mal kurz Hoffnungsträger der SPD als Bundeschef war, der mit dem Leitbild des „vorsorgenden Sozialstaates“ zumindest versuchte, die Partei aus überkommenen Sozialstaatsmodellen der 70er Jahre zu lösen. Es ist kein Zufall, dass Frank-Walter Steinmeier, der Architekt der Agenda-Reformen, in der Mark seine neue politische Heimat fand. Platzecks Sozialdemokratie in Brandenburg versucht nicht, die als zweite Kraft etablierten Linken noch weiter links zu überholen. Hier gibt es weder Flügelkämpfe noch ideologische Prinzipienreiterei oder selbstverliebte Programmdebatten, weil die paar tausend Genossen genug zu tun haben, sich um irdische Probleme zu kümmern, um Jobs, um schrumpfende Dörfer, beständig, mit Pannen, mit Rückschlägen. Und siehe da, eine solche SPD kann Wahlen gewinnen, selbst gegen ein widriges Umfeld, gegen starke Linke.

Warum soll eigentlich, was in einem Land ohne ursozialdemokratische Milieus gelingt, nicht auch im Ruhrgebiet und anderswo wieder möglich sein, wo diese Milieus rasant schwinden? Der Sieg von Matthias Platzeck, Parteivorsitzender a. D., ist ein starkes Argument.

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