BUNDESWEHR IN AFGHANISTAN : Mitgefühl – auch eine politische Tugend

Deutsche Soldaten sterben. Und wie trauert der Staat? Es wird Zeit für die richtige Form.

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Es sind, wieder einmal, Tage, in denen sich unsere vergleichsweise heile Welt hier in Deutschland grundlegend verändert. Afghanistan, das ferne Land, rückt in der wahren Wirklichkeit näher und näher: Dort sterben deutsche Soldaten im Kampf. Aber auf beinahe makabre Weise wird über diese Tatsache geredet, als handle es sich um Opfer von Bundesjugendspielen, voran der Generalinspekteur, der den Toten eine vorher „sehr bemerkenswerte Leistung“ bescheinigt.

Es wird Zeit für Aufklärung. Das sollte der Begriff der Stunde sein, des Tages der Trauerfeier. Denn Aufklärung ist das Fundament unserer Demokratie, Aufklärung über die Bedingungen des täglichen Lebens, ökonomisch, sozial, kulturell. Sie bleibt eine Forderung, die niemals aufgegeben werden darf: weil nur der frei sein kann, der die Bedingungen kennt, mit ihnen leben und sie verändern lernt. Aufklärung, schrieb vor Jahren der Feingeist der Politik, der als Vordenker unterschätzte Björn Engholm, ist umso wichtiger, je komplexer die Gesellschaft ist. „Lebendige sprachliche Kommunikation ist Voraussetzung für das Funktionieren einer pluralistisch-demokratischen Gesellschaft.“

Aufklärung heißt darum auch, dem Souverän, den Wählern und Bürgern, unangenehme Wahrheiten zu sagen. „Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Das wiederum stammt von George Orwell. So betrachtet ist es eine Unterlassung, ein Skandal geradezu, dass es bisher keine der Bundesregierungen, die der Bundeswehr den Befehl zum Eintritt in einen Krieg gaben, vermocht hat, den Opfern den angemessenen Respekt zu zollen. Respekt bedeutet, der Trauer um die Toten öffentlich Raum zu geben, ihren Tod nicht zu zelebrieren in einer Weise, dass falsches Pathos mitklingt, aber doch klarzumachen, welchen Wert er hat: als größte Dreingabe eines Einzelnen, ein demokratisch legitimiertes Ziel verwirklichen zu helfen. Dafür Respekt zu erweisen, fördert dann Teilnahme und begründet Partizipation.

Die demokratische Öffentlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit dem Volk, dem „demos“, aber sie ist für jeden zugänglich. Darum: Keine Ruhmeshalle muss errichtet werden, kein neues Ehrenmal, keine Pieta von Kollwitz vergrößert, aber es müssen tröstende und erklärende Worte zur teilnehmenden Öffentlichkeit gesagt werden. Unser Gemeinwesen (man bedenke das Wort, dem ein Wesen innewohnt), hat eine Kultur des Trauerns verdient. Um tote Botschafter der Demokratie in Uniform nicht minder.

Deutschland ist heraus aus den Knobelbechern, zivilisierter denn je. Doch ist es im Krieg, und das ist nicht nur umgangssprachlich so, wie unser „Verteidigungs“-Minister meint. Achtung: Realitätsflucht beginnt nach Hannah Arendt damit, Tatsachen als bloße Meinungen anzusehen.

Dem öffentlichem Druck ist es nun wohl zu verdanken, dass die Bundeskanzlerin auf der Trauerfeier für die Gefallenen doch anwesend sein wird. Sie hätte unbedingt von selbst darauf kommen müssen. Mitgefühl ist auch eine politische Tugend; und Politik ist für die Menschen da. Davon lebt sie.

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