Bundeswehr-Rekrut : "Ich gelobe, treu zu dienen"

Der Soldat an sich hat es nicht leicht. Meist fügt er sich ein, doch wenn er in der Öffentlichkeit paradiert, fällt er auf. Ein Porträt.

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Foto: dpa Foto: picture-alliance/ dpa
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Am Sonntagabend schaut er sich im Intercity nach Koblenz Filme auf dem Laptop an. Er ist müde, am Wochenende hat er mit den Kumpels gezecht, in dem kleinen Ort, in dem er die Realschule besucht hat. Man erkennt ihn bloß an dem mannsgroßen Seesack. Die Kleidung hat seine Mutter gewaschen. Ansonsten ist er in Zivil: jungenhaft, glatt rasiert.

Meist fügt er sich ein, der deutsche Soldat. Umso stärker fällt er auf, wenn er in der Öffentlichkeit paradiert. Eingeführt vor rund 15 Jahren von Volker Rühe, ist das feierliche Gelöbnis eine pädagogische Maßnahme, die das Verhältnis der Deutschen zu ihren Streitkräften normalisieren soll. Dennoch ist der Soldat der Gesellschaft fremd geblieben. Schlechte Schlafsäcke soll er haben, überhaupt schlecht gerüstet sein und medizinisch unterversorgt. Und sonst?

Dass so wenig über ihn bekannt ist, mag auch daran liegen, dass der Soldat immer seltener wird. Die Wehrpflicht schafft sich schleichend ab. Mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs werden ausgemustert. Nur noch rund 16 Prozent leisten ihren Wehrdienst ab. Längst hat die Zahl der Zivis die der Wehrdienstleistenden überschritten. 90 555 Verweigerer standen 2009 nur 68 300 Wehrdienstleistenden gegenüber. Noch vor zehn Jahren gab es mehr als doppelt so viele.

Vom Staatsbürger in Uniform, von der Armee, die sich aus der Mitte der Gesellschaft rekrutiert, kann keine Rede sein. Der deutsche Soldat kommt eher vom Rand, sucht eine berufliche Perspektive, hat meist kein Abitur. Der Bürgersoldat taugt als Leitbild nicht. Auch der Brunnenbausoldat ist ausgemustert. Die Soldaten sind inzwischen im Krieg und die Deutschen lernen gerade den gefallenen Soldaten kennen, den versehrten Soldaten, den Veteranen.

Gegen das Gelöbnis will keiner protestieren in diesem Jahr. Krach im linken Lager sei der Grund, heißt es. Vielleicht liegt es aber auch an einem Feindbild, das zu verschwommen ist, um als Angriffsfläche zu taugen. Eine offene Debatte darüber, wie der deutsche Soldat einmal sein soll, beginnt gerade erst. Vielleicht wird er ein anonymer Berufskrieger in Hightechrüstung, versteckt hinter dunklen Schutzbrillen? Werden Dienstleister statt Wehrdienstleister Krieg und Verteidigung übernehmen? Wird der Soldat der Zukunft ein Ingenieur sein, der unbemannte Drohnen lenkt? Der müde, junge Mann im Zug klappt erst einmal den Laptop zu und schließt die Augen.

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