Bundeswehr-Werbung : Nicht der Rede wert

Darf die Bundeswehr in Schulen für sich werben? In Berlin regt sich Widerstand.

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So ändern sich die Zeiten. Wer vor dreißig Jahren den Wehrdienst verweigerte, konnte sich von krypto-kommunistischen Friedensaktivisten beraten lassen, wie man das am besten macht. Wer nicht in der Armee der DDR dienen wollte, riskierte gleich ganz seine berufliche Zukunft.

Inzwischen kann man den Eindruck haben, dass die Bundeswehr aus der Gesellschaft hinausgeächtet werden soll. In Berlin gibt es seit Monaten eine Debatte darüber, ob Offiziere an Oberschulen für die Bundeswehr als Arbeitgeber werben dürfen. Schüler eines Lichtenberger Gymnasiums setzten durch, dass eine Werbeveranstaltung zu Berufen in der Bundeswehr abgesagt wurde. Die Berliner Grünen wollen „keine einseitige Werbung für die Bundeswehr in Schulen“ mehr, wie ein Antrag an das Abgeordnetenhaus überschrieben ist. „Wehrdienstkritische Verbände“, so wollen es die Grünen, sollen Schüler „gleichberechtigt“ erreichen können.

Aus alldem spricht ein seltsames Politikverständnis. Schüler nehmen heute für sich in Anspruch, jeden Einbruch der Wirklichkeit in den Stundenplan diskutieren zu können; vom Terroranschlag bis zum Amoklauf kann, soll, muss vielleicht alles sofort besprochen werden. Nur der Soldatenberuf soll keinen Platz in einer Diskussions- und Debattierkultur haben, in der 16-Jährige mit ihrer Meinung und ihren Überzeugungen absolut ernst genommen werden wollen?

Klug ist das nicht, und mit der deutschen Demokratie hat es auch nicht viel zu tun. Die Streitkräfte, so viel zur Erinnerung, werden im Grundgesetz erwähnt. Es ist der Bundestag, der über ihren Einsatz entscheidet. Es waren, auch das zur Erinnerung, ausgerechnet die Grünen mit ihrer überaus friedensbewegten Vergangenheit, die vor neun Jahren einem Bundeswehreinsatz in Reaktion auf Terroranschläge zugestimmt haben – und ihre innerparteiliche Diskussion von damals ist noch heute ein Lehrstück über Pazifismus.

Das alles bedeutet nur eines: Die Bundeswehr hat ihren Daseinszweck, auch wenn es kein erbaulicher sein mag. 16 Jahre alte Schüler sind durchaus in der Lage, diesen Zweck zu erkennen – und ihn akzeptabel und vielleicht unterstützenswert zu finden oder eben abzulehnen. Die Bundeswehr ist nicht die Fremdenlegion, und in der Bundesrepublik bringt es keine Probleme mehr mit sich, den Wehrdienst zu verweigern.

Man kann allerdings den Eindruck haben, dass sich an den Schulen jener Trend zum sehnsuchtsvollen Pazifismus fortsetzt, der in der Gesellschaft längst Commonsense ist. Vermutlich wäre ja eine Mehrheit der Deutschen dafür, Bundeswehrsoldaten nur noch zur Stabilisierung der Deiche bei Hochwasserkatastrophen einzusetzen. Und vermutlich schläft man gut mit solchen Überzeugungen. Sie passen bloß nicht zu einem Land, das vielerlei Interessen politischer und wirtschaftlicher Art in der Welt verfolgt. Davon abgesehen, setzt wahrer und wirklicher Pazifismus auch den Verzicht auf Physik- und Chemieunterricht voraus. Wer so etwas lernt, könnte sein Geld in der Rüstungsindustrie verdienen.

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