Meinung : Bush zieht sich warm an

Der US-Präsident ruft die UN im Irak zu Hilfe – aus Not und wahltaktischen Gründen

Malte Lehming

Wer ist Jessica Porter? Am Mittwoch wurde die Geschichte der 19-Jährigen in der „New York Times" erzählt. Jessica hatte nach dem Ende des Irakkrieges eine großherzige Idee: Die Familie jedes Gefallenen sollte eine von ihr selbst genähte Steppdecke erhalten. Seitdem näht sie sich die Finger wund. Kaum ist eine Decke fertig, sind weitere Soldaten ums Leben gekommen. Jessica will durchhalten, aber sie wird Hilfe brauchen.

Was Jessica eingesehen hat, begreift nun auch die Bush-Regierung. Auch sie muss durchhalten. Der Wiederaufbau des Irak darf nicht scheitern. Aber ohne Hilfe geht das nicht. Die Hypermacht Amerika ist an ihre Grenzen gestoßen. Ein Anschlag folgt dem nächsten. Die Besatzungsmacht kann weder Ordnung schaffen, noch Sicherheit garantieren. Sie ist überfordert. Nach dem Sturz Saddam Husseins bildet sich im Irak nicht etwa eine neue Zivilgesellschaft, sondern eine neue Guerilla. Wie ein Magnet zieht das Land alle nahöstlichen Amerikafeinde an. Und von denen gibt es viele.

Nun geht der Präsident wieder auf die UN zu. Das muss bitter für den passionierten Alleingänger sein. Noch bitterer ist es für seine neokonservativen Einflüsterer sowie die Ellbogen-Fraktion um Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld. Sie verachten die UN, sehen in ihr einen linkslastigen Debattierclub. Schon einmal hatte Bush diese Bedenken ignoriert und sich an den UN-Sicherheitsrat gewandt. Das war vor einem Jahr. Damals sollte die Weltgemeinschaft davon überzeugt werden, dass es notwendig sei, Saddam Hussein zu stürzen. Die Weltgemeinschaft wurde nicht überzeugt. Sie verweigerte Bush die Gefolgschaft. Dass er nun trotzdem wieder auf die UN zugeht, zeigt, wie verzweifelt er über die Lage im Nachkriegs-Irak ist. Grund genug hat er. Denn alle anderen Wege sind versperrt.

Könnte Amerika sein Kontingent nicht einfach aufstocken? Keineswegs. Fast eine halbe Millionen Frauen und Männer dienen in der US-Armee. Davon sind 362 000 in 120 Ländern dieser Erde stationiert. Wie dünn die Personaldecke ist, belegt eine neue Studie des Kongresses. Ohne eine Internationalisierung, einen massiven Einsatz von Reservisten oder eine Vergrößerung der Gesamttruppenstärke, die viele Milliarden Dollar kosten würden, sei die Besetzung des Irak in ihrer bisherigen Größenordnung nur noch bis März gewährleistet, heißt es darin. Und der Aufbau einer irakischen Polizei, gar einer irakischen Armee, wird Jahre dauern.

Apropos Geld: Wer immer noch glaubt, Bush sei es mit der Invasion ums irakische Öl gegangen, sollte seinen Taschenrechner zücken. Der Krieg verschlang 45 Milliarden Dollar, die Besetzung kostet wöchentlich eine Milliarde. Das Land muss komplett neu aufgebaut werden. Das betrifft die Wasserversorgung, Elektrizität, Krankenhäuser, Schulen, Straßen, Häfen, Flughäfen, alles. In die DDR, ein vergleichbar kleines, gut erhaltenes Land, pumpte die Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung jährlich 150 Milliarden Mark. Besetzung plus Wiederaufbau des Irak werden, nach vorsichtigen Schätzungen, etwa 500 Milliarden Dollar kosten. Die irakische Ölproduktion wird sich bis zum Jahre 2010 auf höchstens sechs Millionen Barrel pro Tag steigern lassen, sprich: einen Jahresumsatz von 40 Milliarden Dollar ergeben. Ein gutes Geschäft war dieser Krieg nicht.

Können die UN Bush aus der Patsche helfen? Militärisch wird eine Internationalisierung wenig ändern. Womöglich wird die Aufgabe dadurch sogar schwieriger. Vielleicht lässt sich das Image der Besatzer etwas aufmöbeln, aber was die Terroristen davon halten, haben sie mit ihrem Anschlag auf das UN-Hauptquartier demonstriert.

Das wichtigste Motiv für Bush dürfte ein anderes sein. Er will seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Auch die amerikanische Opposition weiß im Irak weder ein noch aus. Aber sie konnte den Präsidenten mit der Forderung ärgern, die Lasten zu verteilen. Das tut er nun – aber nicht, weil er plötzlich Respekt vor den UN empfindet oder an den Nutzen einer Internationalisierung glaubt. Nein, die Not vor Ort und wahltaktisches Kalkül treiben Bush in die Arme der Weltgemeinschaft. Nie klang ein Hilferuf des mächtigsten Mannes der Welt so laut und so geheuchelt.

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