Meinung : C wie Charisma

Die Südwest-CDU will Oettinger – aber sein Ergebnis macht ihn nicht zum starken Mann

Albert Funk

Erwin Teufel hat einen Nachfolger, und zwar den, den er nicht wollte. Günther Oettinger hat den Mitgliederentscheid der baden-württembergischen CDU gewonnen. Damit ist sicher, dass er im Frühjahr zum Ministerpräsidenten gewählt wird. Annette Schavan, Oettingers Gegen- und Teufels Wunschkandidatin, schnitt beachtlich ab. Das lag auch an der überraschend hohen Beteiligung von 70 Prozent, die zeigt, dass die Mitglieder der Südwest-CDU das Rennen für offen hielten und daher zur Wahl gingen. Und sie zeigt, dass ein solcher Mitgliederentscheid das Parteileben beflügeln kann. Hätten allein die Funktionäre entschieden, Oettinger wäre wohl auf 80 oder 90 Prozent gekommen. So ist das Ergebnis ein Dämpfer für ihn.

Dabei ist Oettinger schon der kompetentere Kandidat. Er hat als Fraktionschef viele Jahre für die Generalistenrolle des Ministerpräsidenten geübt. Er kennt das Land und dessen Wirtschaft. Und er wollte unbedingt „da rein“. Die vor allem als Bildungspolitikerin renommierte Schavan war da eigentlich nicht konkurrenzfähig, auch wenn sie als Getreue von Parteichefin Angela Merkel und als Vizevorsitzende der Bundespartei politisches Gewicht hat.

Die Frage ist nun freilich, wie das schwäbisch-badische Wahlvolk das Ereignis wertet. Könnte es nicht ein ähnliches Ergebnis nach sich ziehen wie in Sachsen? Auch dort folgte einem populären Stimmenbringer – Kurt Biedenkopf – ein sachkundiger, aber eben umstrittener Politiker, der einen Mangel an Charisma nicht verdecken konnte. Wie in Stuttgart machte auch in Dresden der Amtsinhaber deutlich, dass er vom Nachfolger nicht die beste Meinung hat. In Sachsen geriet die CDU ins Schlingern. Dort musste Georg Milbradt kämpfen, bei den Wählern regten sich Zweifel. Das führte mit dazu, dass die lange als unanfechtbar geltende Regierungspartei bei der Wahl gut zwei Jahre nach dem Wechsel an der Spitze noch deutlicher verlor, als sie selbst befürchtet hatte. Könnte es in Baden-Württemberg auch so kommen?

Man kann das nicht ausschließen, auch wenn die CDU im Südwesten gefestigter ist als in Sachsen. Doch Oettinger wird als Ministerpräsident nur ein Jahr Zeit haben, um die Zweifel zu zerstreuen, ob einer ein guter Regierungschef ist, dessen Vorgänger ihn partout ablehnt. In Baden-Württemberg wird im Frühjahr 2006 gewählt. Dann wird es aber nicht nur um das Land gehen. Denn die Wahl im Südwesten ist der wichtigste Stimmungstest im Bundestagswahljahr, ein halbes Jahr vor der Entscheidung, ob Deutschland weiter von Rot-Grün oder aber von Schwarz- Gelb regiert werden soll.

Und damit beginnt auch für Parteichefin Merkel das Problem. Wenn Oettinger keinen klaren Sieg liefert im Frühjahr 2006, dann wäre das ein schlechtes Omen für die Bundes-CDU. So ist der auf bundespolitischem Parkett bislang unbekannte Oettinger plötzlich ein für Merkel wichtiger Mann. Und die Gruppe der für Merkel wichtigen Männer in den Bundesländern ist wieder um einen gewachsen.

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