Canisius-Kolleg : Erosion der Sittlichkeit

Auch außerhalb der katholischen Kirche und außerhalb von Schulen werden Kinder sexuell missbraucht. Aus Sicht der Opfer sind solche Unterscheidungen oft zweitrangig. Bloße Worte der Entschuldigung, selbst aufrichtige und großzügige Entschädigungsgesten sind zu wenig.

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Ein christlicher Geistlicher widmet sein Leben dem Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen. Ein Lehrer übernimmt an Eltern statt die Fürsorgepflicht gegenüber Kindern und Jugendlichen. Daher sind die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius- Kolleg, begangen von Ordensbrüdern, die als Pädagogen arbeiteten, doppelt verwerflich. Die mutmaßlichen Täter haben eklatant gegen die christliche Lehre verstoßen, und sie haben ihre Verantwortung für die Schutzbefohlenen in ein brutales Herrschaftsinstrument über diese Schutzbefohlenen verwandelt. Die Welt steht kopf, wenn solche Verbrechen begangen werden.

Das Böse, das sich im Gewand des besonders Guten tarnt, bedroht die Grundordnung jeder Gemeinschaft. Es stimmt: Auch außerhalb der katholischen Kirche und außerhalb von Schulen werden Kinder sexuell missbraucht. Aus Sicht der Opfer sind solche Unterscheidungen oft zweitrangig. Und über die Frage, ob nun Katholizismus, Zölibat, rigide Sexualmoral und die Tradition des Beichtgeheimnisses ein in sich geschlossenes System hervorbringen, das derartige Verbrechen begünstigt oder deren nachträgliche Aufarbeitung erschwert, lässt sich ebenso lange wie zumeist erfolglos spekulieren. Das alles indes mindert nicht die Wucht der Erschütterung. Geistliche, die als Lehrer Kinder missbrauchen: Das gleicht Krankenschwestern, die Zyankalikapseln verabreichen, Feuerwehrmännern, die Brände stiften, Rettungsschwimmern, die Ertrinkende ertränken. Es ist die Verhöhnung jeder Idealität und Moralität. Es ist die Austreibung von Glaube und Vertrauen.

Wo derartiges Unrecht geschieht, hört die von jeder Religionsgemeinschaft praktizierte „geschwisterliche Gemeinschaft unter dem Wort“ auf. Mögliche Gesetzesbrüche durch Sexualstraftäter können auch anonym zur Anzeige gebracht werden. Die Pflicht zur lückenlosen, ja radikalen Aufklärung ist allerdings in erster Linie den Opfern geschuldet. Ohne Anerkennung der Wahrheit können seelische Wunden nicht heilen, wenn sie es denn jemals können. Bloße Worte der Entschuldigung, selbst aufrichtige und großzügige Entschädigungsgesten sind zu wenig. Auch verjährte Missetaten kennen einen Täter, dem Gesicht und Name gegeben werden muss, damit aus dem amorphen Erinnerungsdunkel ein identifizierbares Gegenüber wird, zu dem Distanz aufgebaut werden kann.

Die Pflicht zur Aufklärung gründet sich außerdem auf die Einsicht, dass nur durch sie der Schaden begrenzt werden kann und der Ruf der Schule nicht dauerhaft lädiert wird. Natürlich prasseln jetzt – wie sollte es im säkularen Berlin anders sein? – auch antireligiöse, antichristliche und antikatholische Ressentiments auf die Beteiligten nieder. Solche Vorhaltungen müssen ausgehalten werden, aber nicht durch Einigelung, sondern durch Geduld und Gelassenheit. Den verfolgend schuldig Gewordenen ist die Rolle der verfolgten Unschuld verwehrt. Wem weiter an der Verkündigung des Wortes liegt, darf die Verräter an diesem Wort weder schonen noch schützen.

Denn sie haben sich nicht allein an Kindern vergangen, sondern sind auch schuld daran, dass Glaube und Kirche heute weniger stark von außen bedroht sind – Kopernikus, Darwin, Freud – als durch die sittliche Erosion religiöser Repräsentanten. Petrus Canisius, der erste deutsche Jesuit, wäre wohl der Erste gewesen, der das gegeißelt hätte. Denjenigen, die sein Erbe verwalten, muss das Maßstab und Richtschnur sein.

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