Meinung : Castor: Das Wendland - keine Wärmestube

Ein wenig wirken die Bilder wie von gestern. Déja vu. Zigtausende demonstrieren gegen den Castor. Der letzte kam 1997. Die Proteste heute verstehen viele nicht. Da war doch was seither. Richtig: der Atomkonsens über den Ausstieg aus der Kernkraft. Sind die Protestierenden also bloß Querulanten?

Auf einige mag das zutreffen. Andere kommen vermutlich nur wegen des Krawalls. Doch was zeigen die Bilder wirklich? Die Polizisten, die die Atomkraftgegner von den Gleisen tragen - sie wirken eher gelangweilt, auch ein wenig entnervt. Die Weggetragenen halten Schilder hoch: "Keine Gewalt". Diese Bilder haben etwas Rührendes. Aber man sieht auch andere Bilder: Schlagstöcke, aggressive Demonstranten. Doch gibt es diesmal weniger Bilder von Gewalt. Es sieht so aus, als habe sich etwas verändert: Es herrscht mehr Gelassenheit.

Warum aber demonstrieren immer noch so viele? Vielleicht, weil kaum jemand an den Atomkonsens glaubt? Gerade hören wir auch noch, dass es mit dem Gesetz, das die Laufzeit der Meiler begrenzen soll, noch ein Weilchen dauert. Einen Ausstieg aus dem Ausstieg kann sich diese Regierung gewiss nicht leisten. Aber hat Rot-Grün den Einstieg in den Ausstieg überhaupt schon geschafft?

Seit der Vereinbarung vom Juni 2000 ist kaum etwas darüber zu hören gewesen, wie es nun weitergeht. Viele haben den Atomkonsens offenbar nicht verstanden. Möglicherweise, weil ihn niemand richtig erklärt hat. Es wirkt so, als sei die Koalition beim Konsens nach dem Motto verfahren: Abgehakt, das haben wir hinter uns. Eine Methode, die gern dem Kanzler zugeschrieben wird. Sind SPD und Grüne so begeistert von sich, dass sie meinen, so einfach sei das Marketing bei diesem komplizierten Thema?

Das jüngste Hin und Her bei den Reiseplänen der Grünen-Spitze hinterlässt diesen Eindruck. Im Wendland kann der Rückzieher leicht so ankommen, als sei dem Führungsduo der Machterhalt in Berlin wichtiger als der gemeinsame Kampf im Wendland. Dass es bei den Wahlen eng werden könnte, dass Trittin und Rente auf der bundespolitischen Agenda stehen würden, war absehbar. Mit der Absage des Besuchs ist er nun erstmal aus, der Traum von der Wärmestube Wendland für die grüne Basis.

Ein wenig wirkt der Protest auch egoistisch, wie die Empörung über irgendeine Mülldeponie nebenan. Zumal niemand gegen die Züge nach Frankreich und England aufsteht. Und doch deuten die Großaktionen der Umweltorganisationen an, dass es um mehr geht: um eine Zukunftsfrage. Wo wird das Endlager für die heiße Fracht sein? Eine Frage, um die sich bisher die ganze Welt drückt.

Da liegt eine Chance für Rot-Grün. Bei ihrem Besuch - nun erst nach Ostern - könnten Roth und Kuhn ein Thema zurückgewinnen und ein paar verlorene Wähler und Mitstreiter. Viele von denen, die gerade protestieren, wollten immer mit nach Lösungen zu suchen, sobald der Ausstieg besiegelt ist. Ein ökologisches Thema, das die Grünen nachhaltig besetzen könnten.

Daran mangelt es ihnen derzeit gewaltig. Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen, dass für die Wähler Grüne und Ökologie weiter zusammengehören. Wenn sie Regierungspartei bleiben oder: erst werden wollen, dürfen sie die nicht verlieren. Der Kanzler fühlt sich gerade wieder gestärkt gegenüber dem Partner. Und er ist längst dabei, den Grünen die zukunftsträchtig erscheinenden Themen abzunehmen. Gerhard Schröder holt die Gentechnik ins Kanzleramt und will heute US-Präsident Bush zum Klimaschutz mahnen. Die Grünen müssen aufpassen, dass sie nicht die Gestrigen werden.

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