Meinung : Castor: Schaden für Millionen

Stephan-Andreas Casdorff

Die Bilanz wirkt, gemessen am Anliegen und am Anspruch, verheerend: Mehr als zwanzig Polizisten sind verletzt, auch zwanzig Demonstranten, 700 Protestierer wurden seit Beginn der Aktionen gegen den Castor-Transport festgesetzt, 115 Verfahren wegen "gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr" eröffnet. Wer die Bilder aus dem Wendland sieht, der muss den Eindruck gewinnen, dass aus dem Versuch gemeinsamer De-Eskalation von Polizei und Protestgruppen im Vorfeld wenig geworden ist.

Beide Seiten haben sich unstreitig darum bemüht. Unversehrtheit an Leib und Leben für alle am Weg des Castor - das war das Ziel öffentlicher Appelle. Auch die Polizei hat alle Bemühungen insofern anerkannt, als diesmal nicht 30 000 Beamte eingesetzt wurden, wie beim letzten Mal, sondern 18 200. Und Polizisten waren es auch, die den am Gleis Festgeketteten und Einbetonierten - darunter eine 16-Jährige - Decken brachten, Tee, Heißluftgeräte.

Dass dann aber anschließend ausgerechnet den Rettungseinheiten vorgehalten wurde, sie hätten früher kommen müssen, um gefährliche Unterkühlung zu verhindern, das ist Hohn. Mehr noch, eine derartige Aktion ist zynisch, unveranwortlich. Die Eltern und alle anderen im Hintergrund hätten sie nie zulassen dürfen. Der Zweck heiligt solche Mittel nicht. Was spektakulär ist und in die Fernsehnachrichten gelangt, ist dadurch nicht schon legitimiert.

Mag das Ziel der Aktion erreicht und der Castor 17 Stunden aufgehalten worden sein - der gewaltfreie Widerstand, der einem politischen Anliegen Aufmerksamkeit verschaffen soll, wird auf solche Weise diskreditiert. Die 16-jährige Schülerin ist keine Heldin, die Aktion kein "unglaublicher Erfolg", wie die Organisation Robin Wood erklärt. Das kann nur sagen, wer den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verkennt.

Innenminister Schily will Schäden und zusätzlichen Aufwand wegen der Behinderung des Castors zivilrechtlich bei den Verursachern geltend machen. Er zielt nicht nur auf die handelnden Personen, sondern auch auf die hinter ihnen stehenden Gruppen. Diese Position ist hart - aber erklärlich. Mit 110 Millionen Mark war der Castor-Transport schon veranschlagt. Auch die pekuniären Kosten werden immer höher, wenn Tausende Polizisten länger bleiben müssen.

Alle Organisationen, die jetzt im Wendland demonstrierten oder Demonstranten unterstützten, sollten nach dem Ende selbstkritisch Bilanz ziehen. Denn das wird sich nicht ändern: Beim Thema atomare Endlagerung zerstört und denunziert die Gewalt alle guten Argumente.

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