Meinung : Castortransport: Grüne Identität

Bernd Ulrich

VisionärInnen sind die wahren RealistInnen" - wie hört sich dieser neue grüne Grundsatz an vor dem Hintergrund der letzten Wochen? Wir sollten in Gorleben nicht demonstrieren, meint der Grünen-Vorsitzende Fritz Kuhn. Wir haben die Amerikaner nicht zu kritisieren, sagte Joschka Fischer in Washington. Wer Fischer kritisiert, schadet den Interessen Deutschlands, so etwa erklärte es die bis vor ganz kurzem ganz linke Angelika Beer. Natürlich können wir auch mit der CDU koalieren, sagte lapidar Jürgen Trittin.

Man muss sie für solche Bekenntnisse einfach lieben, diese Grünen: "VisionärInnen sind die wahren RealistInnen." Der ganze Zustand der Grünen ist präzise formuliert in diesem kurzen Satz. Er sagt, wie unsicher die Partei über ihren Regierungs-Realismus nach wie vor ist; er verrät, wie sehr sie hofft, dass trotz aller Superanpassung noch ein bisschen Idealismus in ihr sei.

Einnehmend wirkt auch das große I, an dem diese sonst so unsentimental gewordene Partei festhält. Das I fungiert als Mahnmal für die unterdrückte Frau und erinnert zugleich von Ferne an den fast vergessenen Willen der Partei, anders zu sein: Skandalon in einer Gesellschaft von lauter Anpassern. Doch von der Orthodoxie bleibt nur die Orthografie.

Sympathisch ist, nicht zuletzt, das Gestrige an dieser Formulierung. Visionen zu haben, eine Vorstellung von dem, was kommt, ist heute nicht mehr das Problem von Parteien, weil es nicht mehr ihre Aufgabe ist, die Zukunft auszumalen. Das tun heute Jürgen Schrempp und Craig Venter. Der Politik stellt sich nun die Frage, wie sie die Veränderungen einhegen will. Und nach welchen Maßstäben. Grundsätze, Werte, Prinzipien - daran mangelt es, nicht nur den Grünen.

Zuletzt haben sie einen Schub in Richtung Realismus gemacht, den man nicht mehr für möglich gehalten hätte. Auch nicht für nötig. Während Kuhn vor Demonstrationen gegen Castor-Transporte warnt, ergeben Umfragen, dass zwei Drittel der Bevölkerung sie legitim finden. Und es war der Bundespräsident, der zur Kritik an den US-Angriffen gegen den Irak bemerkte, dass Bündnispartner durchaus kritische Fragen stellen dürfen. Und dass Fischer-Kritik gleich Schaden fürs Vaterland sein soll - so weit werden es die Grünen mit ihrer Superanpassung doch nicht treiben wollen.

Das also ist das Ergebnis der langen Debatte über die Vergangenheit von Joschka Fischer: Die Grünen weichen keinen Millimeter von seiner Seite. Sie gehen zugleich auf größtmögliche Distanz zu allem, was an die sozialistische, linke, radikale Vergangenheit erinnern könnte. Fischers Biografie, die von sehr vielen Grünen, wird verteidigt. Und historisiert: Unser Leben war richtig und wichtig, auch wenn fast alles falsch war, was wir dachten und taten.

Mit diesem Ansatz - Sozialisation statt Sozialismus - sind die Grünen ausgesprochen modern. Da es heute immer schwerer fällt, das eigene Leben als Kontinuum zu leben, gar als Konsequenz aus einmal gewonnenen Ansichten, kommt es darauf an, ein wechselhaftes und gebrochenes Leben richtig zu interpretieren. Das heißt, ihm durch kluge Nacherzählung einen Sinn zu geben und durch Erfolg die Krone aufzusetzen. Geschichtenerzähler sind wichtiger als Visionäre.

Das interessiert wohl auch die Jungen unter den Wählern. Die wären gewiss froh, wenn ihnen bald etwas geschähe, das eine spätere Distanzierung lohnen würde. Sie üben sich erst ein in die Kunst der Lebenskomposition, in der die Grünen eben die höchste Stufe erreichen.

Ein spannendes Experiment, auf das sich die Grünen da eingelassen haben, fast alle Inhalte verdunsten zu lassen, damit sie das nackte Substrat politischer Identität erhalten. Die eine Anforderung an die Politik erfüllen sie damit beispielhaft, das Vorerzählen und Vorleben von sinnvollen Biografien. Die andere Anforderung an Politik dagegen erfüllen sie kaum: Das Handeln aus Prinzipien und Traditionen.

Bei den kommenden Wahlen werden die Grünen erfahren, wie die Mischung ankommt. Im Moment sagen Umfragen, dass grüne Politiker äußerst populär sind. Aber auch, dass die Partei am 25. März vier Prozent verlieren wird. Welch feine Ironie: Grüne werden geliebt, die Grünen aber nicht. Man muss sie einfach lieben, diese Wähler.

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