Asylbewerber im Netz : (K)ein bisschen Liebe

Flüchtlinge nutzen Dating-Apps so intensiv wie kaum eine andere Gruppe. Viele suchen aber eher Ansprech- statt Lebenspartner.

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Der Staat verdammt die Flüchtlinge zu lähmender Langeweile: "Wir können den ganzen Nachmittag chatten".
Der Staat verdammt die Flüchtlinge zu lähmender Langeweile: "Wir können den ganzen Nachmittag chatten".Foto: dpa

Ibrahima aus Nigeria fragt mich, ob ich ihm Bilder von mir per Whatsapp schicken kann. Abba aus dem Senegal würde gern skypen oder sich über Viber mit mir unterhalten, am liebsten auf Französisch – seiner Muttersprache. Modu aus Gambia möchte über Facebook chatten, Hobbies, Hoffnungen. Nur über seine Vergangenheit will er nicht sprechen. In Gambia habe er im Gefängnis gesessen, schreibt er, eine Zeit „die ich aus meinem Gedächtnis löschen will“.
Kennen gelernt habe ich Ibrahima, Abba und Modu virtuell, nachdem ich eine Dating-App auf meinem Smartphone installiert habe. Von Bekannten hatte ich gehört, dass Asylbewerber diese Kontaktportale intensiv nutzen. Manche Frau will dort angeblich so viele Heiratsanträge von Flüchtlingen bekommen haben, dass sie die Apps nach wenigen Tagen wieder gelöscht hat.
Der Münchner Singlebörsen-Experte Artur Schmidt von der Agentur „Dating-Kompass“ hat davon noch nichts gehört, ebenso wenig wie die Flüchtlings-Organisation „Pro Asyl“. Auch Helfer vor Ort können mir nichts dazu sagen. Ich installiere mir selbst eine App.

Strom ist das Wichtigste. Deshalb gibt es manchmal Streit um Steckdosen

Der Zuspruch ist überwältigend. Über 300 Männer wollen mich kennen lernen, die meisten von ihnen aus Afrika. Mit gut zwei Dutzend trete ich in Kontakt und schreibe, unter ihnen Ibrahima, Abba und Modu. Jeder von ihnen ist nett, aufmerksam und will vor allem eines: reden. Wahrgenommen werden. Ibrahima schreibt, er mache sich große Hoffnungen, dass seinem Asylantrag bald statt gegeben werde. Seit Monaten wohnt der 24-Jährige in einem Containerlager. Das Schlimmste, schreibt er, sei die Langeweile. Fragt man ihn, was er heute, morgen oder übermorgen vorhat, erhält man das Wort: „Chatting“. Das ist sein Kontakt zur Außenwelt, der nur abreißt, wenn sein Handy-Akku leer ist. Dann streitet sich Ibrahima mit seinen Mitbewohnern um die Steckdosen. Alle wollen Strom. Denn der Staat verdammt die Flüchtlinge zu solcher Starre, dass sie nicht nur nach außen, sondern auch untereinander chatten, von Pritsche zu Pritsche. Ibrahimas Akku ist ständig leer.

Abba baut in jede seiner Nachrichten sorgfältig ein deutsches Wort ein

Viele Flüchtlinge nutzen mehrere Dating-Apps gleichzeitig, was sie offen kommunizieren. Auch Messenger sind sehr beliebt. Sie verwenden sie nicht anders als andere Nutzer auch – aber intensiver, weil sie jeden Tag viele Stunden Zeit dafür haben. „Wir können den ganzen Nachmittag schreiben“ freut sich Abba. Er unterbricht die Konversation nur, wenn er zum Deutschkurs geht. Danach berichtet er jedes Mal stolz, was er gelernt hat. Deutsch zu lernen ist ihm wichtig. Er bemüht sich, in jede seiner Nachrichten ein deutsches Wort einzubauen. Dass ich als Journalistin arbeite, glaubt er zuerst nicht: Dass irgendjemand ganze Texte in dieser harten Sprache lesen oder gar schreiben kann, kann er sich schwer vorstellen.

Weder Ibrahima noch Abba oder Modu schwören mir die große Liebe. Ihnen geht es vor allem um Kommunikation, die ihnen durch Apps derzeit noch leichter fällt als im Deutschland „da draußen“. Ein anderer Nigerianer, der vor Stammeskriegen in seiner Heimat geflohen ist, möchte dann aber doch gerne eine Familie mit mir gründen. Schließlich sei ich schon 25 und sollte Kinder haben, solange ich noch jung bin und Kraft dafür habe. Ich bin verdutzt und antworte nicht gleich. „Es ist nur ein Vorschlag“, schickt er hinterher. Ich schreibe, dass ich noch keine Kinder will – vor allem nicht mit jemandem, den ich seit zehn Minuten aus dem Netz kenne. Der Kontakt bricht ab.

Ibrahima, Abba und Modu sind jetzt mit mir auf Facebook befreundet. Wir schreiben immer noch regelmäßig. Hobbies, Hoffnungen, Hilfe. Um Liebe geht es nicht.

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