Causa-Grafik: Flüchtlinge : Stimmungswechsel

Flüchtlingsströme, Brandanschläge, überforderte Politiker: Vieles heute erinnert an 1992. Die Zahl der Asylanträge steigt. Die Medien berichten so viel über Flüchtlinge wie nie zuvor. Nur eine Zahl ist auf dem Tiefstand: die der Ausländerfeinde.

Alice Hasters

Lange waren es die frühen 90er Jahre, die für die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg standen. Damals, das sagte auch Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel vor einer Woche, herrschte eine andere Stimmung in Deutschland. Der „Spiegel“ sprach 1991 vom „Ansturm der Armen“. Der damalige CSU-Innenminister Edmund Stoiber warnte vor einem „hunderttausendfachen Asylmissbrauch“. Eine Einstellung, die sich in der Gesellschaft widerspiegelte. Laut einer Umfrage des Allensbach Instituts für Demoskopie hatten 1992 mehr als ein Drittel der Deutschen gegen den Bau eines Asylheims in ihrer Nachbarschaft unterschrieben. Der Brandanschlag auf ein Gastarbeiterheim in Rostock-Lichtenhagen im selben Jahr war eine Zuspitzung des wachsenden Fremdenhasses – und die Politik antwortete auf die Flüchtlingsströme mit dem Asylkompromiss, der die Aufnahme politisch verfolgter Flüchtlinge stark einschränkte. Das Ergebnis zeigte sich in den Zahlen, die Zuwanderung ging deutlich zurück. 1997 war die Zahl der Asylanträge um nahezu 75 Prozent gegenüber 1992 gesunken. Es verließen sogar mehr Leute Deutschland, als einwanderten. Das machte es einfach, die Debatte, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei, zu umgehen.

Vermehrte Berichterstattung über Flüchtlinge gibt es erst seit Lampedusa

Die Causa-Grafik zeigt auch: Generell waren Flüchtlinge kein hervorstechendes Diskussionsthema. Bis 2013 machten Berichte über Flüchtlinge weniger als 1,5 Prozent der Nachrichten aus und lagen damit unter der sogenannten „Wahrnehmungsgrenze“. Geht ein Thema über diese Schwelle hinaus, gilt es als allgemein bekannt. In Deutschland begann das 2013 mit dem Bootsunglück von Lampedusa. Doch 2015 – als die Einwanderungszahlen erstmals wieder das Niveau von 1992 überschreiten – ist die Berichterstattung noch einmal erheblich angestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr hat sie sich mehr als verdoppelt. Vermutlich tragen Übergriffe auf Flüchtlinge sowie die katastrophalen Zustände an den europäischen Grenzen ihren Teil dazu bei.

Zuwanderungszahl steigt, Ausländerfeindlichkeit sinkt

Die Stimmung in der Gesellschaft scheint sich jedoch anders zu entwickeln, als es 1992 der Fall war. Eine weitere Umfrage des Allensbach Instituts zeigt, dass Anfang der Jahrtausendwende mehr als 40 Prozent der Deutschen das Gefühl hatten, Deutschland könne keine weiteren Menschen aus dem Ausland aufnehmen – zu einem Zeitpunkt, als es tatsächlich kaum mehr Ein- als Auswanderung gab. Heute, zwölf Jahre später, sind Zuwanderung und Asylanträge höher als 1992 und sprechen Politiker von ihrer Überforderung durch die Einwanderungswelle – aber dennoch erzählen die Ergebnisse der Allensbach-Umfrage eine andere Geschichte. Nur noch 18 Prozent der Deutschen meinen, Deutschland könne keine Ausländer mehr aufnehmen.

Woran liegt das? In erster Linie wohl daran, dass die Deutschen jetzt dank der vielen Informationen mehr Verständnis für Flüchtlinge aufbringen können. Der Großteil der Gesellschaft versteht, dass die Flucht aus einem Kriegsgebiet eine Folge der Ausweglosigkeit ist und weniger eine freiwillige Entscheidung. Außerdem ist Deutschland 26 Jahre nach der Wiedervereinigung weitaus stabiler als im Jahr 1992: gesellschaftlich, aber vor allem wirtschaftlich. Umfragen zeigen, dass die Deutschen der Arbeitsmigration aufgeschlossen gegenüberstehen und dass sie durchaus zwischen Ausländern und Flüchtlingen unterscheiden. Es könnte allerdings auch sein, dass die Fremdenfeindlichkeit nicht abgenommen hat, sondern sich nun auf bestimmte Gruppen konzentriert. Wie sähen die Allensbach-Ergebnisse aus, wenn gezielt nach Menschen vom Westbalkan gefragt würde?

Ein Hoffnungsschimmer: Erst im vergangenen Jahr fragte Allensbach erneut, ob die Deutschen ein Asylbewerberheim in ihrer Nachbarschaft ablehnen würden. Auch diese Haltung ist rückläufig. Nur noch 25 Prozent würden eine solche Initiative unterstützen. Über die Hälfte der Befragten würde nicht unterschreiben.