Eis am Stiel im Wandel der Zeit : Was Magnum und Co. über die Gesellschaft verraten

Mögen Sie "Capri"? Oder beißen Sie lieber in einen Nogger? Die Causa-Grafik zeigt, welche Jahrzehnte welches Eis prägten - und umgekehrt.

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Eis im Wandel der Zeit: Von "Capri" bis "Calippo Shots"
Eis im Wandel der Zeit: Von "Capri" bis "Calippo Shots"Grafik: Carmen Klaucke

Eis am Stiel war ein mühsames Geschäft. 1935 eröffnete die erste Fabrik in Deutschland, in der Arbeiterinnen stundenlang damit beschäftigt waren, Milcheis in Zylinderform um kleine Holzstöckchen zu frieren. War die Masse endlich fest, musste sie eingepackt werden: Ebenfalls von Hand. Die kalten Finger der Mitarbeiter ersetzte erst 1953 der sogenannte „Rundgefrierer“, mit dem es möglich wurde, 10 000 Eis am Stiel in einer Stunde herzustellen. Heute laufen in den hochtechnisierten Werken der sieben großen, deutschen Industrieeis-Hersteller bis zu 30 000 Stück übers Band. Und die sind auch nötig: Mehr als sechs Liter Eis verputzt jeder von uns im Jahr – fast die Hälfte davon in Variationen am Stiel.

Eis am Stiel orientiert sich an den Interessen der Gesellschaft

Sie stehen stellvertretend für das Lebensgefühl und die Trends der Jahrzehnte, in denen sie erfunden, auf den Markt gebracht und zum ersten Mal geschleckt wurden. In den Fünfziger und Sechziger Jahren packte die Deutschen das Reisefieber, besonders Italien stand hoch im Kurs. Passend dazu entwickelte Langnese „Capri“ und „Cornetto“, zwei Sorten, die laut Langnese-Brandmanagerin Maria Ziegfeld bis heute „das Gefühl von Strand und Urlaub“ vermitteln. Glaubt man Ziegfeld, muss ein gutes Eis „eine Pause vom Alltag ermöglichen und für ein positives Lebensgefühl stehen“. Und was wäre mehr Pause vom Alltag als der Gedanke an die Adria oder die kampanische Insel vor Neapel? Dass diese nicht für Eis, sondern für ihren wuchtigen Schokoladenkuchen bekannt ist, haben die Langnese-Tüftler dezent außer Acht gelassen. In den Mündern der Deutschen schmeckt Capri deshalb seit 1959 nach Orange.

Früher wurden aus Ideen eisige Protoypen, die anschließend im Umkreis der Fabriken an den Schulen verteilt wurden. Kinder waren die erklärte Zielgruppe der Fabrikanten. Und wenn hundert Drittklässler vom oft quietschbunten Prototyp begeistert waren, würden sich tausende andere vermutlich auch überzeugen lassen. Sorten wie der „Braune Bär“, der „Grünofant“ oder auch „Ed von Schleck“ überzeugten die jungen Kunden auch durch Comicfiguren, die dem Fix-und Foxi-Zeitalter entsprechend gestaltet waren. Immer wieder orientierten sich die Eiserfinder an aktuellen Trends der Gesellschaft. Nicht umsonst kam der „Braune Bär“ gemeinsam mit seinem Zeichentrick-Indianer genau dann in die Truhen, als Teenager begeistert Western schauten. Erst Ende der Achtziger kam Langnese auf die Idee, erstmals ein Eis „nur für Erwachsene“ zu entwickeln. Grund war unter anderem der zu beobachtende Geburtenrückgang. Ein Grund, „Magnum“ zu erfinden. Beworben wurde das Eis sexy, sinnlich, irgendwie Neunziger.

Und heute? Bei Langnese werden im Schnitt jährlich fünf neue Eis am Stiel-Sorten entwickelt, ebenso viele verschwinden wieder aus dem Sortiment. Mit intensiver Marktforschung und Kundenbefragungen versucht das Unternehmen, die Bedürfnisse der Eisesser zu ergründen. „Die Fragestellung dabei ist: Was mögen die Deutschen, was ist ihnen wichtig? Welche Trends gibt es generell auf dem Markt?“, erklärt Ziegfeld. Ein Ergebnis der Recherche ist der neue „Cornetto Taco“. Die Experten hatten beobachtet, dass die klassischen Mahlzeiten immer unwichtiger werden und Menschen verstärkt unterwegs und im Gehen essen. Der „Cornetto Taco“, seit 2015 in der Eistruhe, soll besonders praktisch zu konsumieren sein. Nur einen Stiel hat er nicht.

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