Fall Tugce : Hat sich das Bild der türkischstämmigen Frau verändert?

In unserem neuen Zeitungsteil "Causa" geht es um Kommunikation, Ideen, Trends. Wie Tugce Albayrak nicht nur zur „Ikone der Zivilcourage“ wurde, sondern auch gewohnte Meinungen veränderte, lesen Sie hier.

Claudia Keller
Tuzçe Albayrak wurde am 15. November vor einem Schnellrestaurant in Offenbach niedergeschlagen.
Tuzçe Albayrak wurde am 15. November vor einem Schnellrestaurant in Offenbach niedergeschlagen.Foto: dpa

So sieht das neue Gesicht der türkischstämmigen Frau in Deutschland aus: jung, selbstbewusst, mit langen dunklen Haaren und brauner Strickmütze. Es ist das Gesicht von Tugce Albayrak.

Die 22-jährige Studentin wurde am 15. November vor einem Schnellrestaurant in Offenbach niedergeschlagen. Sie hatte zuvor Mädchen geholfen, die von jungen Männern belästigt worden waren. Der Schlag verletzte Tugce Albayrak so schwer, dass sie ins Koma fiel. Sie wachte nicht mehr auf. Die Medien feierten die junge Frau als „Ikone der Zivilcourage“ und „moderne Märtyrerin“. Ihr Foto mit der Strickmütze ging um die Welt. Am 24. April beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Schläger. Das Landgericht in Darmstadt rechnet mit großem Medienandrang.

Die Aufmerksamkeit für Tugce Albayrak ist auch deshalb so groß, weil die 22-Jährige so gar nicht dem gängigen Bild von der türkischstämmigen Frau entspricht, vermutet die Bremer Erziehungswissenschaftlerin und Turkologin Yasemin Karakaeozlu. In der üblichen Wahrnehmung ist die türkischstämmige Frau ein Opfer: von der Familie und dem Islam unterdrückt, rückständig, ungebildet, passiv. „Umso mehr hat viele überrascht, dass es Studentinnen wie Tugce Albayrak gibt, die auch noch couragiert eingreifen“, sagt Karakaeozlu.

Die türkischstämmige Frau als Opfer

„Tugce Albayrak irritiert die Schablone“, sagt auch die Berliner Medienwissenschaftlerin Margreth Lünenborg. In der Intensität der Berichterstattung sieht Lünenborg eine „Sehnsucht danach, diese Schablone aufzubrechen“.

Mit Blumen bedeckt war das Grab der getöteten Studentin Tugce Albayrak
Mit Blumen bedeckt war das Grab der getöteten Studentin Tugce AlbayrakFoto: dpa

Das Bild von der türkischstämmigen Frau als Opfer ist fast so alt wie das Anwerbeabkommen für Arbeitskräfte zwischen Deutschland und der Türkei von 1961. Es wurde geprägt von den Ehefrauen, die den gastarbeitenden Männern nachgezogen sind. Sie stammten oft aus ländlichen Regionen, konnten kaum Deutsch und fielen auf mit ihren weiten blumigen Hosen und Kopftüchern. Studien über die damalige Arbeit von Sozialpädagogen, Psychologen und Beratungsstellen haben ergeben, dass die Frauen von Anfang an als „die Anderen“ abgestempelt wurden.

Deutsche Kultur - türkische Kultur

Ihre Andersartigkeit wurde mit der türkischen „Kultur“ erklärt, die sich angeblich fundamental von der deutschen unterscheide. Unter „Kultur“ verstand man etwas Starres, quasi durch die Natur Vorgegebenes. Türkisch bedeutete: rückständig, faul, schmutzig, unwillig. Deutsch: modern, aufgeklärt, fleißig, sauber. Zum Bild von der türkischen Kultur gehörte auch der zur Gewalt neigende Macho, der Frau und Töchter unterdrückt.