Frauenfußball : "Warum muss man Frauen immer mit Männern vergleichen?"

Hannelore Ratzeburg ist die einzige Frau im DFB-Präsidium. Im Interview erklärt sie, warum Frauenfußball keine 60 000 Fans ins Stadion zieht, die Einschaltqouten bei der aktuellen WM aber trotzdem gut sind.

Arno Makowsky, Christoph von Marschall
Lucy Winners. Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft bei der WM 2007.
Lucy Winners. Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft bei der WM 2007.Foto: dpa

Frau Ratzeburg, sind Sie mit der öffentlichen Resonanz auf die Frauen-WM zufrieden?
Ja, alle großen Sender sind hier und übertragen. Bei großen Turnieren wie der WM in Kanada sind auch die Einschaltquoten trotz Zeitdifferenz sehr gut: selbst abends um 22 Uhr fünf, sechs, sieben Millionen Zuschauer.
Wie hat sich der Stellenwert des Frauenfußballs in den vergangenen 20 Jahren verändert?
In Deutschland haben wir ein massenhaftes Interesse, auch dank eines Privilegs, um das uns andere Verbände beneiden: Die Heimspiele der Nationalmannschaft werden seit 1989, als die EM bei uns stattfand und wir am Ende Turniersieger wurden, übertragen. Und inzwischen auch die meisten Auswärtsspiele. Generell gibt es heute viel mehr Spiele in Deutschland, wir haben auch mehr internationale Turniere. Die U 17 hat gerade in Island hoch gewonnen, die U 19 fliegt im Juli zur EM nach Israel.
Warum ist das Interesse bei Turnieren hoch, nicht aber im Alltag der Frauen-Bundesliga? Da sehen im Schnitt nur tausend Menschen pro Spiel zu.
Die Deutschen werden mit Angeboten, Fußball zu sehen, ja fast erschlagen. Der Männerfußball hatte sich schon fest etabliert, als die Frauen-Bundesliga 1991 hinzukam. Bei den großen Turnieren spielt das nationale Interesse eine Rolle. Frauen-Bundesliga hat in der Wahrnehmung mehr regionalen Charakter. Wir sehen aber gute Zuwachsraten. Seit der WM 2011 in Deutschland sind bei Bundesliga-Spitzenspielen 5000 bis 6000 Zuschauerinnen und Zuschauer im Stadion. Das wird sich weiter steigern, wir werden aber keine 60000 im Stadion sehen.

Hannelore Ratzeburg.
Hannelore Ratzeburg.Foto: Promo

Da Männer-Fußball bereits so fest verankert ist, kann Frauen-Fußball nicht dieselbe Popularität erreichen?
Ja. Aber warum muss man denn immer Frauen mit Männern vergleichen? Das tut man in anderen Sportarten doch auch nicht, sondern akzeptiert, dass jeder in seinem Bereich das Potenzial auszuschöpfen versucht. Wie groß es ist, wissen wir nicht, weil Frauen, die sich für Fußball interessieren, nicht gleichzeitig spielen und woanders zuschauen können. 14 Uhr ist die gängige parallele Anstoßzeit durch alle Spielklassen.
Es gibt Länder, da ist Frauenfußball populärer als Männerfußball, zum Beispiel in den USA. Hollywood hat einen Film über das Frauen-Team, das den WM-Titel holte, gedreht. In den Staaten spielen mehr Mädchen als Jungen Fußball.
In den USA war Fußball eben nicht die Sportart Nummer Eins für Männer. Und auch nicht hier in Kanada. Da bekommt man jederzeit Eishockeyspiele im Fernsehen geboten. In den USA können harte Jungs nach landläufiger Meinung halt nur bis zur A-Jugend Fußball spielen, danach wenden sie sich den wahren Männer-Sportarten wie American Football zu.
Können Frauen in Deutschland vom Profi-Fußball leben?
Im besten Fall können sie in den Profi-Jahren etwas zurücklegen. Aber nicht genug, dass es für den Rest des Lebens reicht.

Wie sieht es beim Sponsoring aus?
Das Frauen-Nationalteam ist die erfolgreichste Mannschaft des DFB. Viele Sponsoren sind interessiert. Die Spielerinnen sind attraktive, sportliche, intelligente Frauen, mit denen man sich gerne zeigt. Bei den TV- Übertragungen mit hohen Zuschauerzahlen erreicht die Bandenwerbung viele Menschen. Als Partner haben wir die Allianz, Henkel, die Commerzbank. Sie signalisieren auch Interesse, jungen Frauen eine berufliche Perspektive neben dem Fußball zu geben, von der sie leben können.

Wie unterscheiden sich Branchen, die in der Werbung im Frauenfußball aktiv sind, von denen im Männerfußball?
Gar nicht, denn es wird nicht für spezielle Frauenprodukte geworben. Die Firmen wissen, das Frauen in vielen Situationen die Entscheiderinnen innerhalb der Familie sind, ob das eine Versicherung betrifft oder bei alltäglichen Einkäufen. Deshalb gibt es bei der Werbung keinen Unterschied.
Nehmen wir den Spot der Commerzbank, in dem die Spielerinnen und ihre Trainerin durch die Stadt rennen. Es fällt auf, dass man die Gesichter kaum erkennt. Lassen sich Fußballerinnen nur als Team vermarkten, nicht aber als individuelle Stars?
Es gibt durchaus Spielerinnen, die persönliche Werbeverträge haben und das wird sich jetzt nach der WM noch verstärken. Nehmen Sie Nadine Angerer, die in den Rewe-Märkten auf großen Plakaten zu sehen war. Lena Goeßling und Anja Mittag sind auch sehr gefragt. Und die beiden sind nicht die Einzigen.
Wie wichtig ist diese WM unter dem Aspekt der öffentlichen Wahrnehmung und der Vermarktung?
Die bringt sicher einen deutlichen Schub. Je nachdem, wie weit wir kommen, werden uns die Medien und das Publikum länger begleiten. Das bringt etwas für die Bundesliga, aber auch für die Werbewirksamkeit der Spielerinnen. Natürlich vor allem, wenn wir Turniersieger werden. Viele Menschen wollen gerne Weltmeisterinnen sehen.

Dieser Text erschien zunächst in Tagesspiegel "Causa" vom 28. Juni 2015, einer neuen Publikation des Tagesspiegels. Sie können "Causa" auch als E-Paper lesen.