Fußballer-Zitate : Die Vermarktung der doofen Sprüche

Wenn Fußballer nach einem Spiel vor die Mikrofone treten, geht das oft daneben. Die Folge: Stilblüten für die Ewigkeit. Doch die Profis haben dazugelernt. Über das Geschäft mit dem Wort.

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Lukas Podolski spricht auf einer Pressekonferenz
Lukas Podolski spricht auf einer PressekonferenzFoto: dpa/Lukas Schulze

Der junge Mann trägt eine schwarze Mütze auf dem Kopf, er steht vor einer bunten Sponsorenwand und sieht nicht so aus, als fühlte er sich richtig wohl. Seine Pupillen flippern hin und her, als suchte er irgendwo Halt. Man kennt das Gesicht, aber die Strapazen des Profifußballs haben noch keine Spuren in ihm hinterlassen. Glatt und weich sind die Züge. Lukas Podolski ist 18 Jahre alt, er hat gerade sein erstes Bundesligator für den 1.FC Köln erzielt und steht – ebenfalls zum ersten Mal – vor einer Fernsehkamera. „Ich glaube, erst hat man den Elfmeter, und dann kriegen wir den Gegentor“, sagt er. „Das ist natürlich Scheiße, nä?!“

Etwas mehr als zehn Jahre sind seitdem vergangen. Podolski ist inzwischen Weltmeister und, ja, ein Mann von Welt. Er hat bei den Bayern gespielt, in London für den FC Arsenal, steht jetzt bei Inter Mailand unter Vertrag, und wenn er heute in Kameras oder Mikrofone spricht, geht es meistens ziemlich witzig zu. Aber das digitale Gedächtnis vergisst eben nichts. Mit ein paar Klicks findet man Podolskis Fernsehdebüt aus dem November 2003 im Internet. In 50 Sekunden sagt er sieben Mal „nä“ und zwei Mal „Scheiße“. Ein Horror für jeden Imageberater, es sei denn, man möchte jemanden als Dumpfbacke inszenieren.

Lukas Podolski galt in dieser Hinsicht lange als billiges Opfer. Noch immer wird ihm der Satz zugeschrieben: „Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel.“ In Wirklichkeit stammt der Witz vom Komiker Jan Böhmermann, der Podolski das falsche Zitat gewissermaßen untergejubelt hat. Dass ihm eine solche Aussage überhaupt zugetraut wird, sagt einiges. Allerdings weniger über Podolski als über die Sicht auf ihn im Besonderen und auf Fußballer im Allgemeinen, die für verbale Torheiten immer zu haben sind. Dumm kickt eben gut.

Vom Feeling her ein gutes Gefühl

Mit Belegen dafür haben sich ganze Bücher füllen lassen. „Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber“, „Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien“, „Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl“ (alle Andreas Möller). Oder Bruno Labbadia: „Das wird alles von den Medien hochsterilisiert.“ Und natürlich Lothar Matthäus: „Wir sind eine gut intrigierte Truppe.“

Sportliche Wortakrobaten im Einsatz
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Arnd Zeigler, 49, lebt im Grunde von solchen Fundstücken, von verqueren Zitaten, missratenen Bildern, lustigen Versprechern. Er moderiert im WDR-Fernsehen die Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ und beliefert die ARD zu jedem Bundesligaspieltag mit einer Radio-Kolumne, die auf Fußball- oder Fußballerzitate basiert. „In den vergangenen Jahren ist es immer schwieriger geworden“, sagt Zeigler. „Es geht nicht mehr so viel ungefiltert raus.“ Das liegt zum einen an den Spielern selbst, die vorsichtiger geworden sind, zum anderen an ihren Beratern und den Vereinen, die wissen, welchen Schaden eine unbedachte Aussage anrichten kann. „Die Spieler besitzen ein größeres Bewusstsein für die Wucht, die Medien haben können“, sagt Zeigler.

Spieler waren früher sogar vor Journalismus-Praktikanten nervös

Früher hat es gereicht, wenn Fußballer ihre Füße haben sprechen lassen und durch ihre Pässe kommuniziert haben. „Dass sie in epischer Breite frei reden durften, gab es ja gar nicht“, sagt Zeigler. Er erinnert sich noch an seine Anfänge als Journalist: „Ich war kleiner Praktikant, und trotzdem gab es Spieler, die nervös waren, wenn ich ihnen ein Mikrofon vor die Nase gehalten habe.“

Dass Fußballer nicht nur präzise Pässe schlagen, sondern auch präzise sprechen sollen, zählt noch nicht allzu lange zu ihrem Jobprofil. Rhetorische Fähigkeiten sind erst seit Ende der achtziger Jahre gefragt, als sich die Privatsender erstmals die Übertragungsrechte für die Bundesliga sicherten, zunächst RTL (ab 1988), danach Sat1 (ab 1992). „Die gesamte Berichterstattung wurde boulevardesker“, sagt Zeigler. „Man hat versucht, aus jedem Spieler unterhaltsame Sachen herauszuholen – bis zum Exzess.“

Ab den 80er Jahren wurde Fernseh-Fußball boulevardesker

Fußball wurde damals offiziell der Unterhaltungsbranche zugeschlagen: Bei „ran“, der Sat1-Fußballshow, gab es die große Showtreppe, jubelndes Studiopublikum, fachfremde Spieleinlagen und – Interviews, Interviews, Interviews. Es ist vermutlich kein Zufall, dass die Generation Matthäus/Labbadia/Möller, die damals ungeschützt in diesen medialen Umbruch hineingeraten ist, bis heute der verlässlichste Lieferant verbaler Aussetzer ist. Niemand hatte die Spieler auf die veränderten Rahmenbedingungen vorbereitet.

Die aktuelle Spielergeneration besitzt in dieser Hinsicht eine ganz andere Vorerfahrung. Sie ist mit der medialen Ausleuchtung des Fußballs groß geworden. Als Sport1 Anfang dieser Woche das Halbfinale um die deutsche A-Jugend-Meisterschaft live übertragen hat, standen nach dem Abpfiff zwei Spieler der TSG Hoffenheim beim Reporter vor der Kamera – und hatten damit ganz offensichtlich kein Problem. Sie kennen das ja aus dem Fernsehen. „Das gehört für die Jungs einfach dazu“, sagt Markus Aretz, der seit 1999 Pressesprecher des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach ist, „die gucken Fußball ohne Ende.“ Und zwar nicht nur die Spiele selbst, sondern auch die Vor- und Nachberichterstattung, inklusive Interviews.

Überhaupt werden die Nachwuchsspieler heutzutage in den zertifizierten Leistungszentren der Bundesligisten viel besser auf eine Profikarriere mit all ihren Facetten vorbereitet, sowohl sportlich als auch medial. Bei Borussia Mönchengladbach gibt es für ausgewählte Spieler aus der U 17 oder der U 19 eine hausinterne Medienschulung. Aretz, der früher selbst als Journalist bei einer Regionalzeitung gearbeitet hat, mag das Wort Medienschulung eigentlich nicht. „Es geht nicht darum, den Jungs beizubringen, wie man Fragen von Journalisten mit Phrasen aus dem Weg geht“, sagt er. Es gehe darum, ihnen zu erklären, wie Medien ticken, was sie wollen, was sie brauchen. „Und sie sollen wissen: Der Journalist ist weder dein Gegner noch dein Feind: Er macht seinen Job.“

Stets in Hörweite: Die Presseabteilung

Trotzdem stehen die Vereine im Verdacht, das freie Spiel der Worte übermäßig einzuschränken. „Früher konnte man nach dem Training oder nach dem Abpfiff zu jedem Spieler gehen“, sagt Arnd Zeigler. Heute habe man als Journalist nur noch Zugriff auf eine bestimmte Anzahl. Bei manchen Klubs werden den Medienvertretern ausgewählte Spieler regelrecht zugeführt. „Natürlich hat das aus Sicht der Vereine seinen Sinn“, sagt Zeigler, „aber der gewisse Charme geht verloren.“ Noch vor ein paar Jahren konnte man sich als Berliner Zeitungsreporter mit Spielern von Hertha BSC zwanglos in einem Café verabreden; inzwischen finden Interviews nur noch in den Räumen der Geschäftstelle statt, und immer sitzt in Hörweite jemand aus der Presseabteilung.

Dabei sind diese ausgeruhten Gespräche am wenigsten problematisch für die Vereine – ganz anders als das im Affekt gesprochene Wort. Als Herthas Torhüter Thomas Kraft vorige Woche nach dem 0:0 gegen Eintracht Frankfurt vom Feld stürmte, rief er den wartenden Journalisten nur zu: „Fragt doch unsere blinden Stürmer!“ Tags darauf wurde er vom Pressesprecher zu den Journalisten geleitet, um öffentlich sein Bedauern kund zu tun. Authentizität versus Professionalität: In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Kommunikation im Fußball.

Je mehr Geld der Fußball bewegt, desto größer wird in den Vereinen vermutlich das Bestreben, sich die Kontrolle über das gesprochene Wort zu bewahren – weil jede falsche Aussage letztlich geschäftsschädigend sein kann. Gladbachs Pressesprecher Aretz widerspricht der Ansicht, dass die Phrasendrescherei von den Klubs aktiv befördert wird. „Das ist nichts Antrainiertes oder Einstudiertes“, sagt er. Trotzdem hat sich beim breiten Publikum der Eindruck verfestigt, dass alles glatt gelutscht ist und eine Aussage der anderen bis aufs Wort gleicht.

Olaf Thon war "der Professor"

Arnd Zeigler, der Fußballern schon von Berufs wegen zuhören muss, sagt: „Der Erste, bei dem ich gedacht habe, das kann ich mir sparen, war Olaf Thon. Da hat man schnell gemerkt: Da kommt nichts mehr, was irgendeinen Belang oder Unterhaltungswert hat.“ Thon, Weltmeister 1990, wurde in der Branche irgendwann nur noch „Professor“ genannt, weil er sich immer so geschliffen ausdrückte – oder es wenigstens versuchte. „Ich habe ihn nur leicht retuschiert“, hat er einmal gesagt.

Thon war eben kein Akademiker. Seine Schweißerlehre bei den Stadtwerken Gelsenkirchen hat er für die Profikarriere vorzeitig abgebrochen. Aber mit dieser Vita war Thon zu seiner Zeit eher die Regel als die Ausnahme. Bei den Weltmeistern von 1974 sah es ähnlich aus. Vor ihrer Karriere als Fußballer hatten sie traditionelle Berufe erlernt wie Werkzeugmacher (Berti Vogts), Stuckateur (Jupp Heynckes), Weber (Gerd Müller) oder Maschinenschlosser (Sepp Maier). Im gesamten WM-Kader gab es drei Abiturienten: Uli Hoeneß, Paul Breitner und Jupp Kapellmann. Selbst Günter Netzer, der heute als Intellektueller unter den Fußballern gilt, hatte das Gymnasium nach der Mittleren Reife verlassen und eine Lehre zum Industriekaufmann gemacht.

Dass sich Fußballer heute medial ganz anders verkaufen können, hat möglicherweise auch etwas mit der Akademisierung des Milieus zu tun. Die Abiturientenquote in der Nationalmannschaft korreliert mit der Abiturientenquote in der Gesamtbevölkerung. Fußball ist eben Volkssport und spiegelt damit auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider. „Fußballer sind nicht anders als normale Menschen“, sagt Markus Aretz, der Pressesprecher von Borussia Mönchengladbach. „Wenn man in der Fußgängerzone zehn Leute vor der Kamera befragt, werden wahrscheinlich acht unwitzig und gleichförmig antworten. Und zwei hauen einen Spruch raus.“ Dass Fußballer auch mal Dinge sagen, die nicht der hohen Schule der Diplomatie entsprechen, das lässt sich nicht nur nicht verhindern. Aretz findet: „Damit muss man auch klar kommen.“

Dieser Text erscheint am 24. Mai 2015 bei "Causa" - einer neuen Publikation des Tagesspiegels, die jeden Sonntag erscheint. Die Ausgabe des Folgetags können Sie ab 20 Uhr abends auch im E-Paper lesen.