Getarnte Literatur : Trojanisches Buch

Um nicht aufzufallen, geben sie sich als Ratgeber für Landwirte, Hausfrauen und als Gebrauchsanweisungen aus. Doch der Inhalt von Tarnschriften war brisant. Über den gefährlichen Kampf um Informationshoheit

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Außen regimetreu, innen nazi-kritische Berichte: Die Zeitschrift "Arbeitertum".
Außen regimetreu, innen nazi-kritische Berichte: Die Zeitschrift "Arbeitertum".Foto: dpa

Die Schachtel kommt aus dem Tresorraum. „Dort können Sie nicht rein“, sagt Michaela Scheibe strikt. Schade, man hätte schon gerne gewusst, wie es da unten aussieht, im und meint den Magazinkeller der Staatsbibliothek Unter den Linden. Es kling strikt. Doch der gewöhnliche Besucher darf. Auch die Box, die nun auf dem Gästetisch der Bibliothekarin steht, darf man nur in ihrem Beisein begutachten.
Viel Aufhebens um ein paar Pappumschläge und eine Schachtel von der halben Größe einer Zigarrenkiste, deren Inhalt auf den ersten Blick banaler kaum sein könnte. „Excentric Shampoo“ heißt es da zum Beispiel unter dem Antlitz einer gelockten Blondine, „Das Beste für die Haarpflege“. Darin ein Tütchen mit aufgedruckter Gebrauchsanweisung: „Den Inhalt dieses Beutels schütte man in ein halbes Liter heisses Wasser.“ Und das Auffälligste daran ist zunächst nur die eigenwillige Grammatik und die Erkenntnis, dass der Setzer offenbar über kein „ß“ verfügte.
Im Umschlag wird ein ganz anderer Ton angeschlagen. „Wer hat die Pogrome organisiert?“ wird dort gefragt und gleich geantwortet. Es war nicht das „Publikum“ in vorgeblicher Raserei, vielmehr steckten dahinter „zentrale Dienststellen des Dritten Reiches“. Es geht um die Hintergründe der Judenverfolgung im Jahre 1938, zu einer Zeit mithin, über die viele deutsche Zeitgenossen später sagen werden, man wusste von nichts.

Tarnschriften entstanden vor allem während des Nazi-Regimes

Die Box ist in Wirklichkeit eine Zeitkapsel aus dem Deutschland der 30er Jahre, als Bücher verbrannt wurden, wenn sie nicht der von den Nazis veröffentlichten Meinung entsprachen. Noch am Morgen des 28. Februar 1933, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand ergriff das Regime eine Reihe von Maßnahmen, die schon den Besitz einer Schreibmaschine gefährlich machen konnten.
Unter diesen Bedingungen entstand eine neue Literaturgattung, die heute als Tarnschriften bezeichnet werden. Pamphlete, die sich wie in einer Mimikry der Umgebung äußerlich anpassten, die vorgaben, für Nivea-Creme zu werben oder für das Jubiläum der Passions-Festspiele in Oberammergau, die vorgaben, Gebrauchsanweisungen zu sein, auf dem Umschlag „50 Eintopfgerichte“ ankündigten, sich als Ratgeber für Landwirte oder zur Reparatur von Nähmaschinen ausgaben. Doch schon nach einer Seite wird kein Wort mehr über Nähmaschinen verloren, sondern vom VII. Weltkongress der kommunistischen Internationale berichtet. Oder Wilhelm Pieck referiert, wie sich der Genosse Dimitroff vor dem Leipziger Reichsgericht gegen seine nationalsozialistischen Ankläger wehrt, die ihm den Reichstagsbrand anhängen wollen.

Tarnschriften waren oft klein und gaben sich als Alltagsgegenstände aus.
Tarnschriften waren oft klein und gaben sich als Alltagsgegenstände aus.Foto: dpa

Diese Bücher waren den Äußeren Umständen entsprechend klein. Sie mussten sich notfalls verstecken lassen. Und so handelt es sich meist nur um Heftchen, manche von der Größe eines kleinen Reclambuches. Manche auch nur ein Viertel so groß, da auch die Anleitung für Nassrasierer, der sich die Tarnschrift äußerlich anpasste, in gefaltetem Zustand winzig war.
Walter Ulbricht, der spätere Staatsratsvorsitzende der DDR und Vorgänger Erich Honeckers, hat für Texte dieser Art einst im Moskauer Exil, den Begriff "Trojanische Strategie" geprägt.
Es ist nicht leicht, heute Aufschluss darüber zu erhalten, wie viele Tarnschriften im Dritten Reich zirkulierten, war es doch Merkmal der Camouflage-Technik, dass Herstellung und Vertrieb im Verborgenen blieben. Ein einziges Mal berichtete das Nazi-Parteiorgan „Völkischer Beobachter“ am 25. November 1933 stolz, die Gestapo habe 23000 Zentner Druckschriften beschlagnahmt und beklagte sich über „Hetzschriften“, die es immer noch „im getarnten Gewande“ in Umlauf zu bringen gelänge. Später wurde über das Phänomen nicht mehr berichtet. Was nicht bedeutet, dass es den Nazis gelungen wäre, diesen Informationskanal zu stopfen. 1937 beschlagnahmten die Behörden 27717 Publikationen aus ihrer Sicht verbotenen Inhalts, die in Autoreifen, unter doppelten Kofferböden oder gar in eingeschweißten Dosen über den Rhein ins Reich geschleust zu werden versuchten.

Tarnschriften sind kaum erforscht, genaue Zahlen gibt es nicht

Bis heute sind die Tarnschriften ein kaum erforschtes Spezialgebiet des Kommunikationswesens. Die Standardpublikation stammt aus dem Jahre 1970 noch von Heinz Gittig, langjährigem Stellvertretenden Leiter der damals Ost-Berliner Staatsbibliothek, dessen kommentierte Bibliographie vom unüberhörbaren Stolz der SED auf ihre kommunistischen Vorfahren durchdrungen ist. Immerhin, so Gittig, wurden 80 Prozent der Tarnschriften im Kampf gegen den Nationalsozialismus von der damals im Untergrund operierenden KPD in Umlauf gebracht. Der Rest stammte von der SPD und Christen im Widerstand.
Zu den Autoren zählten aber auch Exilanten wie Lion Feuchtwanger sowie die Brüder Heinrich und Thomas Mann, deren Aufrufe zum Widerstand in Informationsschriften für Tungsram-Glühbirnen und Teepackungen nach Deutschland geschmuggelt wurden.
Das Phänomen selbst gab es auch schon vor 1933 reicht offenbar weiter zurück. Gittig verweist auf Versuche aus dem 15. Jahrhundert, die damals noch kirchliche Zensur zu umgehen trachteten, ohne dass er allerdings ein konkretes Beispiel nennt. Im österreichischen Graz zeigte eine Ausstellung vor zwei Jahren das Werk eines „Werther Graz“. Der verwies 1907 mit seinem Pseudonym auf Goethe, um so vom seinerzeit verbotenen, pornografischen Inhalt abzulenken. Doch das blieben Ausnahmen. Nicht zuletzt, weil die Drucksache selbst erst im 20. Jahrhundert zum Massengut wurde, das notfalls auch in aller Heimlichkeit produziert werden konnte.

Die größte Sammlung lagert heute im Bundesarchiv

Seit dem Ende der DDR vor nunmehr 25 Jahren gab es nur wenige Versuche, dieses Kapitel des Widerstands der Öffentlichkeit zu vermitteln. Sie erschöpften sich im Wesentlichen in einer Ausstellung der niedersächsischen Landesbibliothek und der bereits erwähnten, umfangreicheren Grazer Ausstellung einer österreichischen Künstlergruppe. Umso verdienstvoller ist deshalb der Versuch von Michaela Scheibe, in einem Beitrag für das Bibliotheksmagazin der Staatsbibliotheken Berlin und München die Trojaner des Printzeitalters vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren. Immerhin hat man Unter den Linden mit über 100 Tarnschriften einen kleinen Schatz im Keller, den man sich in den letzten Jahren durchaus etwas kosten ließ, wurde doch antiquarisch hinzugekauft. Beim ZVAB, der Plattform der Antiquare im Internet, werden Tarnschriften wie die schmale „Suren-Gymnastik mit Sportgerät“ von 1937, hinter der sich Texte zum Spanischen Bürgerkrieg verbergen, für 330 Euro gehandelt.
Die größte Sammlung lagert allerdings im Berliner Depot des Bundesarchivs. Um die zu entschlüsseln, muss man sich durch ein Dickicht von Signaturen schlagen. Verborgen bleiben auch dann die Geschichten jener, die diese Schriften einst produzierten. Die Suche nach ihnen führt quer durch die Akten des einstigen Volksgerichtshofs der Nazis, die ebenfalls im Bundesarchiv lagern.
Dort stößt man auf Fälle, wie die Strafsache gegen den Maurer Johann Engeln aus Andernach dem im Juli 1933 der Prozess wegen Vorbereitung zum Hochverrat gemacht wird, weil er auf dem Dachboden seines Hauses eine Druckerwalze versteckt hatte. Engels bekam ein Jahr und sechs Monate. Einer von 1760 Männern und Frauen, die allein im ersten Jahr der Nazi-Herrschaft wegen der Herstellung, Herausgabe, Nichtanzeige, Verbreitung und Einschleusung illegaler Schriften verurteilt wurden. Mit Beginn des Krieges 1939 konnte so ein Delikt die Todesstrafe nach sich zu ziehen.

Die Gestapo bekam das Problem kaum in den Griff

In den Griff bekam man das Problem nicht, wie Rudolf Diels, Chef der Gestapo, in einem Lagebericht einräumen musste. Zwar wurden immer weniger solcher Druckschriften in Deutschland hergestellt, dafür nahm der Schmuggel aus dem benachbarten Ausland zu. Verteilt wurden die Schriften von Freiwilligen, die einander nicht kannten, nicht kennen durften. Die tauschten in Bahnhofsbuchhandlungen Groschenhefte gegen solche vollkommen anderen Inhalts aus, hinterließen ihre getarnten Drucke in Kaufhäusern oder verteilten sie als vermeintliche Programmhefte im Dunkel der Kinos.
Für die Kinoaktion war übrigens die Berliner Gruppe um den Kommunisten Bruno Baum verantwortlich, zu der auch ein gewisser „Herbert“ gehörte, besser bekannt als Erich Honecker. Der flog im Dezember 1935 bei dem Versuch auf, einen Koffer aus der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof Zoo zu holen, darin versteckt auch Tarnschriften.

Auf dem Heimweg vom Bahnhof wähnte sich Honecker verfolgt und ließ den Koffer im Taxi zurück. Der Fahrer übergab das Stück der Gestapo. Honecker wurde ebenso wie Baum verhaftet. Die Rolle Honeckers bei Verhör und Prozess, Honecker blieb bis April 1945 in Haft, ist ungeklärt. Stasi-Minister Mielke soll Gerüchten zufolge darüber Bescheid gewusst und seinen Staatsratsratsvorsitzenden deshalb bis zum Schluss in der Hand gehabt haben.
Während des Krieges wählten auch die westlichen Alliierten das Mittel der Tarnschrift als Waffe im Kampf gegen die Nazis. Der britische Geheimdienstmitarbeiter Sefton Delmer berichtete später von Bemühungen, etwa als Reklamheft getarnte Ratgeber für potenzielle Simulanten in der Wehrmacht zu verbreiten. Britische Ärzte verrieten darin Tricks, wie sich deutsche Soldaten unter Vortäuschung einer Krankheit dem Kriegsdienst entziehen könnten. Delmer behauptet, die Deutschen hätten die Broschüre ihrerseits übersetzt und in die englischen Linien eingeschleust. Noch 1952 hätten solche Exemplare hohe Preise erzielt, ließ sich doch mit dem Wissen darin auch das britische Sozialsystem austricksen.

Auch nach dem 2. Weltkrieg gab es Tarnschriften: Von KPD, SPD und RAF

Auch in Deutschland war mit der Befreiung vom Nationalsozialismus die Geschichte der Tarnschriften nicht zu Ende. Im Westen griff die KPD nach dem Verbot ihrer Partei durch das Bundesverfassungsgericht zu diesem Mittel. Im Bundesarchiv liegen heute Schriften der Partei aus den frühen 60er Jahren. Ausgerechnet in der Verkleidung eines „Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung“ bringt die KPD darin ihre Version der Rechtfertigung des Mauerbaus in Umlauf.
Im Osten wählte die SPD, inzwischen mit der KPD zur SED zwangsvereinigt, in den 50er Jahren einen ähnlichen Trick: Wolfgang Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, eine Abrechnung des ehemaligen Kommunisten mit dem Stalinismus, versteckt sich hinter dem Einband „Entscheidungen des Obersten Gerichts der deutschen Demokratischen Republik“.
1977 waren es dann die Linksterroristen von der RAF, die mit „Karlek med forhinder“ – zu Deutsch: „Liebe mit Hindernissen“ einen vorgeblich schwedischen Liebesroman in Umlauf brachten. Die Grazer Ausstellung zeigte eines dieser raren Exemplare, in denen die RAF versuchte, ihre Strategie zu rechtfertigen.
Es dürfte einer der letzten Versuche gewesen sein, den Trojaner in seiner gedruckten Form als Waffe zu verwenden. So wie das Buch als Medium der politischen Aufklärung an Bedeutung einbüßt, hat auch er sich gewandelt. Verkleidet kommt er immer noch daher, tarnt sich als seriöse Email von Paypal, Amazon oder der Telekom, damit der vermeintliche Kunde sich seiner bediene und Informationen herunterlädt. Doch da gibt es dann nichts mehr zu lesen. Vom Kampfmittel über die Informationshoheit ist der Trojaner zum Schadprogramm verkommen.