Kampagnen für Flüchtlinge : Wie wir es schaffen

Im Laufe des Jahres sollen 800.000 Flüchtlinge kommen, so viele wie noch nie. Wie bewegt man Deutschland dazu, dieser Veränderung aufgeschlossen gegenüber zu stehen? Fünf Werbeagenturen, fünf Vorschläge

Hans Monath
Auf Fahnen, T-Shirts, Sticker und im Netz: Der Spruch "Refugees Welcome" verbreitet sich
Auf Fahnen, T-Shirts, Sticker und im Netz: Der Spruch "Refugees Welcome" verbreitet sichFoto: dpa

Die Politik ist aufgewacht, die Gesellschaft längst auch. Regierungs- und Oppositionsparteien verurteilen Fremdenhass und versprechen alle Anstrengungen, um Hunderttausende von Flüchtlingen zu integrieren. In vielen Orten des Landes machen sich jeden Tag ehrenamtliche Helfer an die Arbeit, bilden sich Flüchtlingsinitiativen und Helfergruppen – übrigens weit mehr als während der Wiedervereinigung. Die Anschläge auf Unterkünfte von Asylbewerbern, die Pöbeleien, der Hass im Netz wecken Gegenkräfte– im Internet und in der analogen Welt. So organisiert Herbert Grönemeyer ein Solidaritätskonzert vor dem Reichstag, das einen Tag nach dem Einheitsfeiertag stattfindet. Doch wie lassen sich die Skeptiker unter den Deutschen überzeugen, dass ihr Leben von der Flüchtlingswelle viel weniger betroffen ist, als sie fürchten, weil Asylbwerber kommen? Dazu hat der Tagesspiegel Kreative aus der Werbewirtschaft gefragt. Hier sind ihre Antworten.

Frank Strauss, geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Butter in Düsseldorf
Frank Strauss, geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Butter in DüsseldorfFoto: Strauss

Frank Stauss, geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Butter in Düsseldorf

Ein paar lockere Sprüche und bunte Bildchen helfen alleine erst mal gar nicht. Das muss eine große, fröhliche gemeinsame Kampagne aus Politik, Initiativen, Gewerkschaften, Wirtschaft, Künstlern, Sportlern und vielen mehr werden, die einfach sagen: „Willkommen – Gemeinsam packen wir das!“
Die Menschen kommen ja aus großer Not zu uns, aus Krieg, Elend, Verfolgung und Hunger. Und alles, was uns dazu einfällt sind Worte wie „Ein Ansturm, eine Flut, die mit Krisenstäben bewältigt werden muss“. Doch es gibt ja keine Alternative. Wir können die Menschen ja nicht verhungern lassen. Und wenn es keine Alternative gibt, muss man eben das Beste draus machen. Das Beste ist immer motivierend, fröhlich, verbindend. Ein Happening, ein Sommermärchen, ein anpackendes, Mut machendes menschliches Deutschland. Unsere Politiker denken, sie müssten mit Worten Angst machen, weil sie denken, das Volk habe Angst. Das ist Quatsch. Die paar immer gleichen Pöbler im Netz sind nicht das Volk. Viele Politiker machen Angst statt Mut, während viel mehr Menschen helfen, statt zu pöbeln. Unsere Politiker brauchen Mut zur Menschlichkeit, und dann werden sie erfahren, zu wie viel positiver Energie dieses Land und seine Menschen fähig sind.

Toan Nguyen, Strategie-Direktor bei Jung von Matt und Mitinitiator der Kampagne „Recht auf Menschenrecht“
Toan Nguyen, Strategie-Direktor bei Jung von Matt und Mitinitiator der Kampagne „Recht auf Menschenrecht“Foto: Jung von Matt

Toan Nguyen, Strategie-Direktor bei Jung von Matt und Mitinitiator der Kampagne „Recht auf Menschenrecht“

Social-Media-Kommunikation für gesellschaftlich brisante Themen sollte vor allem eines erreichen: die Menschen so sehr von der Sache zu überzeugen, dass sie den Wunsch verspüren, mitzumachen. Weil sie emotional berührt sind, ihre Meinung äußern wollen oder aber auch, um Teil einer Gruppe zu werden, die gemeinsam für eine gute Sache kämpft. Am Ende geht es immer um ein ganz klassisches und menschliches Bedürfnis: nämlich den Wunsch nach Zugehörigkeit.

Die große Kraft der sozialen Medien ist, dass diese Zugehörigkeit für viele Menschen sichtbar gemacht werden kann. Durch ein Like, einen geteilten Beitrag, ein besonderes Profilbild – oder eben durch eine Botschaft auf einem einfachen Pappschild, wie bei der aktuellen Kampagne „Ein Recht auf Menschenrecht“. Innerhalb weniger Tage haben tausende Bürger aus Deutschland die Aktion unterstützt und unzählige Bilder von sich mit ausgewählten Menschenrechts-Artikeln hochgeladen. Auch viele Prominente aus allen Bereichen wie Jan Josef Liefers, Sigmar Gabriel, Joko, Paul van Dyk oder Benedikt Höwedes unterstützen das.
Eine gute Kampagne spricht nicht nur mit den Empfängern, sondern lässt sie zu Wort kommen. Sie lässt jeden Einzelnen daran partizipieren und ganz wichtig: nimmt jeden Einzelnen ernst.

Lutz Meyer, geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur Blumberry
Lutz Meyer, geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur BlumberryFoto: Blumberry

Lutz Meyer, geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur Blumberry

Entscheidend ist, dass die Flüchtlinge selbst ihre Geschichte erzählen. Dann verstehen die Deutschen, warum sie zu uns kommen. Ich stelle mir vor, dass eine Mutter mit ihrem Kind erzählt, warum sie diesen gefährlichen Weg hierher auf sich genommen hat. Oder ein 25-Jähriger, der lieber im Calais-Tunnel stirbt als zurückzugehen, soll erklären, warum er hier ist. Das ist der einzige Weg, wie man bei den Leuten Verständnis und Respekt wecken kann. Dann verstehen sie, was die Leute im Aufnahmelager hier zu tun haben mit den schrecklichen Nachrichten über Kriege, Gewalt und Krisen, die sie jeden Tag sehen und lesen. Diese Erzählungen der Flüchtlinge würden uns auch an die deutsche Geschichte erinnern: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland schon Millionen von Flüchtlingen integriert. Die kamen damals aus dem Osten und hatten auch nicht alle einen Universitätsabschluss. Da können wir die Herausforderung jetzt doch auch schaffen.

Hans Langguth, Geschäftsführer der Berliner Agentur zum Goldenen Hirschen
Hans Langguth, Geschäftsführer der Berliner Agentur zum Goldenen HirschenFoto: Langguth

Hans Langguth, Geschäftsführer der Berliner Agentur Zum Goldenen Hirschen

Ich halte eine Willkommens-Kampagne, eine Offensive für Menschlichkeit und Offenheit gegenüber Flüchtlingen für überfällig. Es ist unerträglich, dass Brandstifter auf der Straße und im Netz das Bild unseres Landes prägen. Skeptisch bin ich allerdings bei jeder Form von staatlich oder politisch initiierter Kampagne. Das wird der Sache nicht gerecht, wirkt schnell bemüht und aufgesetzt. Eine Lichterkette 4.0 würde mir viel besser gefallen. Angestoßen von mitten im Leben stehenden Menschen wie dem Busfahrer aus Erlangen, der so selbstverständlich Flüchtlinge in seinem Bus begrüßte. Er ist ja deshalb so bekannt geworden, weil er gerade keine Werbefigur und kein Politiker ist. Eine Kampagne „von unten“ also mit Schneeballeffekt, die auch in den sozialen Medien „fliegt“. Denn wir sind doch viel mehr als diese Horden von Fremdenfeinden. Ich erlebe ganz viel selbstlose Hilfe und Unterstützung. Da wäre es doch gelacht, wenn wir nicht den öffentlichen Raum mit Sympathie und Leidenschaft zurückerobern könnten.

Matthias Richel, Kreativdirector der Online-Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG)
Matthias Richel, Kreativdirector der Online-Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG)Foto: TLGG

Mathias Richel, Kreativdirektor der Online-Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG)

Die, die vor den Flüchtlingsheimen Hass verbreiten, die Menschen darin bedrohen, oder sogar die Gebäude anzünden, wissen um die Macht dieser Bilder. Sie wissen um die Angst, die sie verbreiten, und genau das möchten sie erreichen. Also müssen wir ihnen die Aufmerksamkeit entziehen.

Natürlich gilt es, diese Idioten deutlich beim Namen zu nennen und ihre Taten laut zu verurteilen, aber wir müssen unser Licht verstärkt auf diejenigen lenken, die Flüchtlingen helfen, sie unterstützen oder bei sich aufnehmen – egal, ob haupt- oder ehrenamtlich. Denn diese Menschen sind es, die unsere Beachtung, Solidarität und Dankbarkeit benötigen, auch wenn sie selbst meist gar nicht darum bitten. Eine Kampagne muss denen eine Stimme geben, die ein Beispiel für uns alle geben und damit das Deutschland zeigen, für das die Mehrheit einsteht: weltoffen, gastfreundlich und tolerant.
Deutschland steht vor einer großen Herausforderung – toll, dass so viele Menschen sie gemeinsam bewältigen wollen.


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