Literatur posthum : Der Schatz der toten Dichter

Manche Schriftsteller hinterlassen ein lukratives Erbe: eines oder sogar mehrere unveröffentlichte Bücher. Welche Autoren sind posthum besonders erfolgreich – und hören nicht auf zu schreiben?

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Sechs Autoren und ihre posthum veröffentlichten Werke.
Sechs Autoren und ihre posthum veröffentlichten Werke.Grafik: Gesine Grotrian

Andreas Franz ist seit 2011 tot. Dank seiner Bücher aber lebt er weiter. Und das ist keine abgegriffene Floskel, die das besonders unsterbliche Werk eines genialen Schriftstellers feiert. Wirft man einen Blick auf die Liste seiner Veröffentlichungen, sind vier neue Andreas-Franz-Romane erst nach seinem Tod entstanden. 2013 gelang ihm mit „Tödlicher Absturz“ und „Teufelsbande“ sogar ein kriminalistischer Doppelschlag.
Etliche Schriftsteller werden erst nach ihrem Tod zu Ikonen. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie ihr Werk. Die Bücher des Schweden Stieg Larsson etwa wurden erst nach seinem Tod publiziert, weil er sie zu Lebzeiten unter Verschluss gehalten hatte. Andreas Franz’ dagegen hatte Jahr um Jahr erfolgreiche Krimis geschrieben. So erfolgreich, dass sein Verlag Droemer Knaur schlicht beschloss, Franz’ nicht sterben zu lassen – und dem Autor Daniel Holbe die Aufgabe übertrug, in Franz’ Autorennamen die Julia-Durant-Reihe weiterzuschreiben. Holbe bezeichnet das auf seiner Website als „wegweisende Fügung“. Auch wirtschaftlich dürfte dieses Vorgehen weder zu seinem noch zum Nachteil des Verlags gewesen sein.

Millenium-Trilogie, Teil vier: Lagercrantz statt Larsson

Stieg Larsson ergeht es ähnlich. Seiner „Millenium“-Trilogie um Journalist Mikael Blomkvist und Hackerin Lisbeth Salander wurde eben erst ein vierter Teil hinzugefügt – auf Wunsch seines Vaters und seines Bruders, zu denen Larsson früher ein eher frostiges Verhältnis hatte. Teil eins bis drei seiner epischen Gewaltsaga hatte der Schwede immerhin noch selbst verfasst und nur wegen weiterer geplanter Fortsetzungen in der Schublade belassen. Teil vier („Verschwörung“) wurde von seinem Landsmann David Lagercrantz geschrieben – obwohl Larsson seinen eigenen, vierten Band noch fast zu Ende gebracht haben soll.

Franz Kafka war zu Lebzeiten ebenfalls nur einem elitären Zirkel bekannt. Er hatte das Pech, dass seine bevorzugte Stilform (Kurzgeschichte) seiner Zeit voraus war – und er von potentiellen Lesern kaum verstanden wurde. Vom Schreiben leben konnte er nie. Wäre es nach Kafka gegangen, hätten die Leser nicht einmal seinen „Prozess“ in die Hände bekommen. Max Brod, sein engster Freund und Förderer, setzte sich über Kafkas Testament hinweg und publizierte nach dessen Tod fünf bis dahin unbekannte Manuskripte.

Fallada schrieb sein bekanntestes Buch bereits im Krankenhaus

Hans Fallada war eher mäßig bekannt. Auch sein bekanntestes Werk erschien erst nach seinem Tod: „Jeder stirbt für sich allein“. Er schrieb das Manuskript innerhalb weniger Wochen im Krankenhaus. „Der Trinker“, ein Roman mit autobiographischen Bezügen zu Falladas Alkohol- und Drogensucht, wurde ebenfalls erst 1950 durch seinen Verleger und Förderer Ernst Rowohlt veröffentlicht.
Wolfgang Herrndorf hatte während seiner Krebserkrankung verfügt, dass sein Blog „Arbeit und Struktur“ nach seinem Tod auch als Buch erscheinen solle. „Bilder deiner großen Liebe“ soll ebenfalls in seinem Sinne verlegt worden sein, schreiben seine Freunde Kathrin Passig und Marcus Gärtner in einer Erklärung. Sie wollten gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen, man vermarkte den Autor gegen seinen Willen.

Bei Günther Grass gibt es auch keine Zweifel. Auch er hatte vor seinem Tod verfügt, dass sein letztes Buch posthum erscheinen dürfe. Der Titel, nicht ganz unpassend: „Vonne Endlichkait“.

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