Neue Portale Bento, Ze.tt und Co : Ein Häppchen Journalismus

Nachdem jahrelang wenig auf dem digitalen deutschen Medienmarkt passiert ist, erfinden Verlage nun Marken speziell für junge Leser. Der Trend geht weg von der Nachricht, hin zum Lebensgefühl – gern in Beta.

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Ze.tt kuratiert bereits vorhandene Inhalte im Netz und verleiht ihnen einen "neuen Dreh".
Ze.tt kuratiert bereits vorhandene Inhalte im Netz und verleiht ihnen einen "neuen Dreh".Foto: Screenshot ze.tt

Wer Bento bestellt, bekommt in einem japanischen Restaurant Sushi-to-go. Bento werden die sorgfältig zusammengestellten Boxen mit rohem Fisch genannt. Kleine, feine Häppchen, die man je nach Geschmack und Laune in eine schwarze Box packen lässt und am besten in der Sonne im Park verspeist. Und so soll auch das neueste mediale Produkt aus des „Spiegel“ sein: speziell für junge Menschen aufbereitete und präsentierte Inhalte für unterwegs. Kurz, schnelllebig, unterhaltsam. „Bento“, das neue Baby an der Ericusspitze in Hamburg, soll bereits im Oktober online gehen. Es ist ein Sinnbild dafür, dass sich eine ganze Branche nun auf die Mediennutzung von unter 30-Jährigen einstellt – die mit den herkommlichen Formaten im Netz nicht mehr wirklich gut zu erreichen sind.

Ole Reißmann ist Co-Chef des jungen Teams aus Journalisten und Entwicklern, das unter der Verantwortung von „Spiegel-Online“-Chef Florian Harms arbeitet. Noch macht er aus „Bento“ ein großes Geheimnis. Wie diese Sushi-Box genau aussehen wird, will er nicht verraten. Kein Geheimnis dagegen ist, dass sein Team bis zum Start noch viel zu tun hat. Nur eins sei bisher klar: „Gedruckt wird es ,Bento’ nicht geben.“ Auf Papier wäre das Konzept auch nur schwer realisierbar. Denn „Bento“ lebt im und vom Internet. Besondere Inhalte des WWW sollen aufgegriffen und kuratiert werden. Es ist ein Portal für die „Generation Hashtag“. Und so gibt es keine klassischen Ressorts, sondern: Hashtags, wie #Musik, #Liebe oder #Tech. Der deutsche Journalismus passt sich einmal mehr mit großer Verspätung an das Internet an.

Die Rolle der Sozialen Medien

In Berlin-Kreuzberg macht das Team von „Ze.tt“ schon seit einigen Wochen Journalismus für junge Menschen – auf einer öffentlichen Beta-Website. Mit „Ze.tt“ hat der „Zeit“-Verlag vor einigen Wochen ein eigenes Angebot gestartet, das vor allem „Zeit Online“ ergänzen soll. Bei Facebook hat das Medium bereits 5000 Fans. Das sind nicht viele, aber mit Schützenhilfe der großen Schwester werden es immer mehr. Über „Zeit Online“ wird „Ze.tt“ bekannt gemacht, in den ersten Monaten gilt es die Marke auf dem Markt überhaupt erst einmal zu etablieren.

Dabei nutzt das neue Portal die Reichweite der alten Marke auf Facebook, Twitter und Instagram. „Für uns sind Soziale Medien mindestens so wichtig wie die eigene Homepage“, sagt „Ze.tt“-Chef Sebastian Horn. „Zeit“ und „Zeit Online“ würden zwar bereits junge Leser ansprechen, vor allem bei Studierenden funktionieren die alten Marken gut. „Wir bei ,Ze.tt’ können aber mehr experimentieren und unsere Geschichten so aufbereiten, dass junge Menschen sie besonders häufig teilen und weitererzählen“, erklärt Horn sich und sein Team als Ergänzung zum restlichen Angebot des Verlags.

Immer in Bewegung

Wie unterscheiden sich also die neuen Portale vom herkömmlichen Nachrichtengeschäft im Netz? „Wir setzen auf komplett eigene Themen und Geschichten“, sagt Horn. „Bento“ und andere Projekte werden sich da kaum unterscheiden. Allerdings gibt es ein neues Alleinstellungsmerkmal. Denn der Schlüsselbegriff heißt: kuratierte Inhalte und Trends aus dem Netz. „Wir bereiten sie neu auf und versehen sie mit einem eigenen Dreh“ – so klingt die Beta-Erfahrung aus dem Hause „Ze.tt“. Dort bewegen sich die Bilder schon. So genannte Gifs bringen Leben in die Bude: Auf ihnen läuft zum Beispiel ein kleiner Hund endlos im Kreis, ein Promi schaut immer und immer wieder dumm aus der Wäsche. In anderen Ländern, zum Beispiel Ungarn, informieren sich viele junge User ausschließlich über solche Seiten. Das Nachrichtenportal „444.hu“ ist seit Jahren erfolgreich als junges News-Angebot unterwegs. Gibt es etwas Wichtiges, wird informiert. Sonst soll surfen vor allem Spaß machen.

Auch der Axel-Springer-Verlag möchte sein Angebot ausbauen. „Ich freue mich, dass die anderen Verlage nachziehen. Das kann uns alle nur besser machen und Bewegung in den deutschen Online-Markt bringen“, sagt Horn. Die Verlage beteuern dabei, dass sie mit ihren traditionellen Marken weiterhin junge Leser erreichen wollen. Die neuen Portale sollen vielmehr das Lebensgefühl der Neunziger- und Achtziger-Kids verkörpern. Es wirkt wie ein Spagat zwischen kurzfristigen Lösungen im Internet und langfristigen Lösungen auf den weiterhin wichtigen Printmarkt.

Das junge Angebot des Tagesspiegels finden Sie auf den Seiten des Schreiberlings.

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