NSU-Prozess : Berichten und Schweigen - ein Medienreport

Es ist der Mammutprozess des wiedervereinigten Deutschlands. Seit mehr als 200 Tagen versucht das Oberlandesgericht München die NSU-Verbrechen aufzuklären. Noch nie verfolgten so viele Journalisten kontinuierlich einer mühsamen Rechtsfindung. Das Interesse aber unterliegt starken Schwankungen. Ein Medienreport von Frank Jansen für unseren neuen Zeitungsteil "Causa".

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Die Angeklagte Beate Zschäpe steht zum Prozessauftakt am 06.05.2013 im Gerichtssaal in München mit dem Rücken zur Richterbank.
Die Angeklagte Beate Zschäpe steht zum Prozessauftakt am 06.05.2013 im Gerichtssaal in München mit dem Rücken zur Richterbank.Foto: dpa

Rahmi Turan hält durch. Woche für Woche fährt der türkische Journalist von Nürnberg nach München, um für die Tageszeitung „Sabah“ über den NSU-Prozess zu berichten. Turan übernachtet nur selten in München, wo die Hotels teuer sind und die Preise noch kräftig steigen, wenn eine Messe ansteht oder das Oktoberfest. Also fährt er morgens in Nürnberg los, abends zurück, so geht es von Prozesstag zu Prozesstag. Warum macht er das? Warum nimmt er seit zwei Jahren den Stress auf sich, in der Nacht anzureisen, dann hoch konzentriert im Saal A 101 des Oberlandesgerichts München der Verhandlung zu folgen, einen Bericht zu schreiben und abends wieder im Auto oder im Zug zu sitzen?

Turan fällt die Antwort nicht schwer. „Weil wir unmittelbar das Interesse der in Deutschland lebenden Türken vertreten“, sagt er, „und weil wir den Glauben an den Rechtsstaat und die Gerechtigkeit nicht verloren haben“. Das ist ihm der Stress wert. Und Turan ist überzeugt, mit der Berichterstattung über die Verbrechen der Terrorzelle NSU, vor allem über die Morde an acht türkischstämmigen Migranten, einen ganz eigenen Akzent in der Medienlandschaft in Deutschland zu setzen. „Wir verstehen die emotionale Sprache der Opferfamilien“, sagt Turan. „Wir haben das Privileg, Deutsch und Türkisch mit Ihnen reden zu können. Deshalb versteht man besser, was die Familien denken und fühlen.“

Ermordet aus reinem Hass - Die Opfer des NSU
Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern, Südhessen, war das erste Opfer der rassistisch motivierten Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). An jenem Tag fiel ein Mitarbeiter aus, der normalerweise seinen Blumenstand an einer Ausfallstraße nahe Nürnberg betreute. Şimşek fährt selbst nach Nürnberg und wird dort von den Tätern angeschossen. Es dauert noch zwei Tage, bis er in einem Krankenhaus am 11.September 2000 im Alter von 38 Jahren den Schusswunden erliegt. Der Fall wird von der Bundesregierung erst 2012 als rassistisch motivierte Straftat anerkannt. Zu Beginn wurde auch gegen die Frau und Verwandte des Mannes ermittelt. Die Polizei verdächtigte den Getöteten des Drogenhandels.Alle Bilder anzeigen
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04.07.2012 15:04Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern,...

Der Prozess ist ein Stück Zeitgeschichte

Da fallen einem als erstes die Tränen und lauten, schmerzvollen Worte von Ismail Yozgat ein. Sein Sohn Halit war am 6. April 2006 in dessen Internetcafé in Kassel von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen worden. „Er war mein Lämmlein“, rief der Vater bei seiner Zeugenaussage im Prozess, „mit meinen Händen habe ich meinen 21-jährigen Sohn ins Grab gelegt.“ Turan sieht in seiner Wahrnehmung des Leids der türkischen Landsleute einen Unterschied zu den deutschen Zeitungen und Sendern, ohne sie abwerten zu wollen. Zumal er ein wenig deren Arbeit beneidet. „Deutsche Medien haben mehr Informationsquellen und Möglichkeiten für eine ausführliche Berichterstattung“, sagt er.

Von den anfangs fünf türkischen Kollegen im Prozess sei er der einzige, der noch immer zur Verhandlung kommt. Dennoch ist der Auftritt der Medien bei diesem Jahrhundertverfahren mit jetzt 200 Prozesstagen untrennbarer Teil eines historischen Ereignisses. Ein Stück Zeitgeschichte, vergleichbar mit den Prozessen gegen die linken Terroristen der Roten Armee Fraktion. Auch damals, in den späten siebziger Jahren, wurde die rechtliche Aufarbeitung der RAF-Taten von den Medien intensiv verfolgt, um zu erkennen, wie sich eine Gruppe aus der Mitte der Gesellschaft heraus so stark radikalisieren konnte. Der Stammheim-Prozess 1977 war von heftigen Kontroversen begleitet.