Oktoberfeste weltweit : World Wide Wiesn

Botschaft des Bieres: Weltweit gibt es etwa 4000 Oktoberfeste – und es werden immer mehr. Was steckt hinter dem Wiesn-Virus?

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Der Himmel der Bayern: Das Hacker-Festzelt.
Der Himmel der Bayern: Das Hacker-Festzelt.Foto: dpa

Das kleinste Oktoberfest der Welt fand vor einigen Jahren am Südpol statt. Wissenschaftler einer Forschungsstation hatten in München um ein Fass Starkbier gebeten, um in eisiger Umgebung wenigstens ein bisschen deutsche Heimeligkeit zu spüren. Gabriele Weishäupl, die damalige Münchner Tourismuschefin und Festleiterin des Oktoberfests, organisierte den Gerstensaft gerne. Nur der Transport machte Probleme: Wegen des unwirtlichen Geländes musste das Fass am Ende zum Südpol geflogen werden.
Das Oktoberfest, weithin auch als „Wiesn“ bekannt, ist der kulturelle Exportschlager Deutschlands. Man weiß nicht recht, ob man es als Mythos oder eher als Virus bezeichnen soll – jedenfalls hat es sich rund um den Globus ausgebreitet. Das Münchner Original hat inzwischen geschätzt 4000 Schwesterveranstaltungen auf der ganzen Welt. 2011 gingen Experten noch von rund 2000 aus. Jedes Jahr werden es mehr, überall sprießen Oktoberfeste aus dem Boden, sogar in Ländern, die nicht unbedingt als große Biertrinkernationen bekannt sind. Warum also?

Die meisten Oktoberfeste auf anderen Kontinenten entstanden durch Auswanderer

Es gibt viele Oktoberfeste im Ausland, die durch direkten Bezug zu Deutschland entstanden sind. Die größte Wiesn Nordamerikas, in Cincinnati, Ohio, wurde gegründet, weil in dieser Region besonders viele Amerikaner mit deutschen Wurzeln leben. Ebenso verhält es sich mit dem Oktoberfest in Kitchener-Waterloo, der größten deutschstämmigen und -sprachigen Gemeinde in Kanada. Die Stadt Kitchener hieß früher zwar nicht München, aber immerhin Berlin, und das große Schlagwort „Gemütlichkeit“ ist dort nicht nur zur Oktoberfest-Saison ein Begriff. Einzig die deutschen Traditionen wurden im Laufe der Zeit angepasst: So halten es die Bewohner von Cincinnati für äußerst „German“, einen Hühnertanz aufzuführen und ein Dackelrennen zu veranstalten, bei dem die Hunde als Hotdogs verkleidet werden. In Kitchener-Waterloo fungiert „Onkel Hans“ als Festmaskottchen – ein bauchiger, rotbäckiger Mann mit dickem Schnauzbart.

Wiesn in der ganzen Welt: Auch in Namibia, Brasilien und Australien wird gefeiert.
Wiesn in der ganzen Welt: Auch in Namibia, Brasilien und Australien wird gefeiert.Grafik: Carmen Klaucke

Doch Kolonialisierung und große deutsche Auswanderungswellen sind längst vorbei. Sie können also nicht die Begründung für den aktuellen Boom des Wiesn-Mythos liefern. Gerade bei Festen, die sich erst in den letzten Jahren etabliert haben, spielt auch der wirtschaftliche Faktor eine wesentliche Rolle. Das Münchner Original generiert jährlich einen Umsatz von über einer Milliarde Euro. Und es hat sich auch im Ausland herumgesprochen, dass sich mit Brezn, Bier und Lederhosen ordentlich Geld verdienen lässt.

Es gibt sogar ein Luxus-Oktoberfest in Bahrain. Eintritt: Über 50 000 Euro

Seit nicht allzu langer Zeit gibt es daher auch ein Oktoberfest auf Jamaica, eines in der indischen Supermetropole Bangalore und sogar im australischen 68-Seelen-Dorf Jundah, 16 Autostunden von der nächstgrößeren Stadt entfernt. Die Umsatzzahlen sind nirgendwo öffentlich, aber sie sind eben in jedem Fall höher, als wenn es kein Oktoberfest geben würde. Die Städte mit Wiesn schmücken sich außerdem touristisch damit: Es sollen nicht nur Einheimische, sondern auch Reisende angelockt werden, die das Original in München verpasst haben. Deshalb finden viele der Oktoberfeste im Ausland auch zeitlich versetzt zur echten Wiesn statt. Der offiziellen Hacker-Festzelt-Band „Die Kirchdorfer“ ermöglicht diese Regelung kurz nach der offiziellen Wiesn ihren mittlerweile obligatorischen Auftritt im brasilianischen Blumenau.

Und München fördert den Mythos. Etliche Wiesn-Wirte betreiben im Ausland sozusagen „Oktoberfest-Entwicklungshilfe“, so geschehen etwa in Peking. Michael P. Schottenhamel beriet die Chinesen fünf Jahre lang beim Aufbau ihres Festes, lieferte Bierrezepte, Dirndl-Schnittmuster und Notenblätter der bekanntesten Wiesn-Hits. Sogar seine Köche hatte er zeitweise ausgeliehen, um den Pekingern die bayerische Küche näherzubringen. Hähnchen und Würste fanden durchaus Anklang. Nur dass es zu gegrilltem Fisch Sauerkraut geben muss, konnte er den Chinesen nie ausreden.

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