Qualitätsjournalismus : Zweifelhaftes Prädikat

Über Qualitätsjournalismus reden alle. Initiativen werden gegründet, um ihn zu erhalten. Die Geschichte eines Wortes, das inflationär verwendet wird. Nur wofür?

Volker Lilienthal
Reizreaktionschema. Viele Verlage verteidigen den Qualitätsjournalismus. Aber gegen wen eigentlich? Und mit wie viel mehr Hintergrundwissen können sie aufwarten?
Reizreaktionschema. Viele Verlage verteidigen den Qualitätsjournalismus. Aber gegen wen eigentlich? Und mit wie viel mehr...Foto: imago /epd

Eines vorausgeschickt: Auch dieser Artikel wird den Qualitätsjournalismus nicht definieren. Auch wenn auf Twitter gefragt wurde: „Wer spendiert eine Definition?“ Und auch wenn der Autor dieser Zeilen im Sommer nach einer Podiumsdiskussion kritisiert wurde, weil er angeblich nicht in der Lage gewesen sei, verbindlich zu umschreiben, was Qualitätsjournalismus ist und was nicht. Dabei verweigere ich mich bewusst: Das Thema ist für die schnelle, kompakte Äußerung zu groß. Vor allem aber: Der Normbegriff ist dynamisch und entwicklungsoffen.

Der Qualitätsjournalismus ist eine Sache für Kümmerer. Viele sorgen sich um ihn. Aktuell sind das die gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland. Sie haben sich vorgenommen, den Qualitätsjournalismus zu fördern, so ein „Aufruf“ vom 22. September. Darin das monumentale Bekenntnis: „Die 21 000 rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts in Deutschland räumen dem Journalismus innerhalb der Zivilgesellschaft eine große Bedeutung ein.“ 21 000! Aber erst 120 davon engagieren sich direkt oder indirekt in der Journalismusförderung. Und den Aufruf unterschrieben haben gar nur 26 Stiftungen und Vereine.

So viel zu den Fakten. Dennoch ist diese erste öffentliche Deklamation ein Fortschritt. Denn seit einigen Jahren schon müht sich ein „Expertenkreis Qualitätsjournalismus“ innerhalb der Stiftungswelt darum, unter den organisierten Philanthropen mehr Begeisterung und mehr Einsatz für den notleidenden Journalismus zu wecken. Das ging mehr schlecht als recht, Skepsis regiert. „Es kann nicht darum gehen, erodierende Geschäftsmodelle zu subventionieren“, so die jüngste Erklärung der Stiftungen. Insofern ist das nun öffentliche Bekenntnis, andere Wege zu suchen, immerhin ein Anfang. Man wird die Stiftungen daran erinnern dürfen.

Überraschend Neues, was sie tun könnten, ist den Stiftungen bislang nicht eingefallen: klassische Journalisten- und Journalismusförderung sowie Forschung und Bedarfsanalyse werden in dem nur zweiseitigen Papier genannt. Im Mittelteil zeigen sich die Stiftungen schwerstens beschäftigt mit dem Komplex „Lügenpresse“. Journalistische Glaubwürdigkeit ist, natürlich, ein Thema. Transparenz wird gefordert, man will den Dialog zwischen Medienmachern und -nutzern fördern, Modelle zur Nachahmung für Journalisten entwickeln („Best Practice“) und Recherchen ermöglichen. Aber was heißt eigentlich „Vertrauensmangel adressieren und Wertschätzung erhöhen“?

Das Prädikat Qualitätsjournalismus ist ein Verkaufsargument

Hier kommt denn auch das Reizwort „Lügenpresse“, das die Stiftungen leider nicht ins Schattenreich der üblen Nachrede verweisen, wollen sie doch selbst Initiativen entwickeln oder unterstützen, „die die journalistische Praxis kritisch begleiten“. Zwar wird offenbar auch ein Nachholbedarf bei der „Medienkompetenz“ von Bürgern gesehen – von denen manche journalistische Leistungen eben nicht richtig einschätzen können oder ideologisch verblendet sind. Die Stiftungen aber richten sich hauptsächlich an den Journalismus: „Ziel sollte sein, dass dieser seine Glaubwürdigkeit und Wertschätzung in der Öffentlichkeit erneuern kann.“

Hört sich an, als liege die Bringschuld hauptsächlich bei Medien und Journalismus. Natürlich müssen die ordentlich arbeiten, um immer wieder mit guter Berichterstattung zu ringen um die Gunst und das Vertrauen ihres Publikums. Der Schlachtruf „Lügenpresse“ aber ist eine maßlose Ungerechtigkeit, eine Wahrnehmungsverzerrung gerade bei denen, die Medien „Bias“ vorwerfen (ohne ihn so zu benennen). Das ist ja überhaupt das Paradoxon dieser Kontroverse: „Lügenpresse“ sollen immer die Qualitätsmedien sein, nie die vom Boulevard, die sich ja wirklich immer mal wieder Falschdarstellungen, freche Zuspitzungen und kalkulierten Affront gegen die Menschenwürde leisten.

Ist es in einer solchen Situation überhaupt sinnvoll, am Idealbegriff „Qualitätsjournalismus“ – so wie die Stiftungen jetzt – festzuhalten? Auf Twitter gibt es natürlich auch den #Qualitätsjournalismus – der Hashtag wird nach meinem Eindruck mehr für Medienkritik als für Wertschätzung desselben genutzt. Also, drehen wir uns im Kreis? Eine kritische Begriffsexegese tut not.

Hin und wieder tauchte der Begriff schon in 1990er Jahren auf. Aber seine große Zeit erlebt er erst seit der Jahrhundertwende – und tauchte damit zeitgleich zum Diskurs über die „Medienkrise“ auf. Er ist also die optimistische Kehrseite derselben Medaille. Doch in kritischer Perspektive ist „Qualitätsjournalismus“ nicht viel mehr als ein Kampfbegriff und ein Verkaufsargument.

Ungezählt die Sonntagsreden von Zeitungsverlegern, die ihren Produkten höchste Leistungen zusprachen – um sie zugleich Mitbewerbern abzusprechen, um für die eigene Zeitung zu werben, aber auch um tatsächliche Qualitätsverluste, Folge oft von Arbeitsplatzabbau, zu kaschieren. Es gibt sogar einen Verleger, Hermann Petz von der „Tiroler Tageszeitung“, der verstieg sich im Juni zu der absurden These: „Es gibt Qualitätsjournalismus nur in Verbindung mit bedrucktem Papier – und das aus belegbaren Gründen.“ Darüber schrieb er gar ein ganzes Buch.

Die Berufung auf Qualitätsjournalismus schwingt auch in der Eigenwerbung des „Spiegel“ mit, der ziemlich altmodisch und hochphilosophisch die „Wahrheit“ für sich reklamiert – als wüssten wir nicht aus der wissenschaftlichen Erkenntniskritik, dass es die höchstens als immerwährende Annäherung geben kann.

Auch die Hierarchen und Apologeten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks attestieren ihrem eigenen System immer wieder gerne „Qualitätsjournalismus“. Manchmal scheint es, als hätten Manager und Chefredakteure ihre Sprachregelungen abgesprochen, um auf dem Markt der Meinungen konzertiert für Geltung zu sorgen. Da sagt Torsten Rossmann, Geschäftsführer der Welt N24 GmbH, in einem Interview, das Medienunternehmen habe „den Anspruch, als multimediales Nachrichtenunternehmen für Qualitätsjournalismus in Deutschland führend zu sein“. frühere „Welt“- Chefredakteur Jan-Erich Peters legte am 7. Juli nach und sagte, die Welt-N24-Gruppe wolle „das Leitmedium für Qualitätsjournalismus“ sein. Das sind so die Claims, von denen man nicht genau weiß, was sie bezwecken sollen: Branchengeltung, Publikumswerbung oder vielleicht eher ein Motivationssignal nach innen an die eigene Mannschaft?

Jede Fehlleistung einer Redaktion wird in den Netzwerken vervielfältigt

Zahllose Initiativen haben sich „Qualitätsjournalismus“ auf ihre Fahnen geschrieben. In Frankfurt gründete sich vor einigen Jahren das „Forum Qualitätsjournalismus“, inzwischen gibt es auch eine hochmögende „Deutsche Gesellschaft Qualitätsjournalismus e. V.“. Beide Initiativen sind über den Journalisten Christian Preiser personell eng verbunden. Dessen dritter Baustein ist „preiserconsorten“, ein „Büro für Qualitätsjournalismus“. Bei so viel Qualitätsjournalismus mag man das Wort kaum noch hören. Wie sieht die Arbeit konkret aus? Aktuell kann man sich beim „Forum“ um Recherchestipendien bewerben, der Themenbereich ist vorgegeben: „Nachhaltige Wirtschaft“. Das Fördergeld kommt aus der Industrie, die Resultate publiziert die „Wirtschaftswoche“ online – auf ihrem Spezialportal green.wiwo.de, das seine Hoffnung auf Werbekunden aus der „Green Economy“ setzt. „Finanziert wird WiWo Green von Premium-Werbepartnern.“ Native Advertising? Jedenfalls dies: Geld aus der Industrie, Themenbereich vorgegeben – die völlige journalistische Freiheit sieht anders aus.

Mitte Juli, noch so eine Initiative, trat die „Hamburger Allianz für Digitalen Qualitätsjournalismus“ an das Licht der Öffentlichkeit, gesponsert von namhaften norddeutschen Medienunternehmen. Immerhin hat man an der federführenden Hamburg Media School erkannt, dass die Bewährung von Medien auf den neuen Märkten im digitalen Journalismus vor allem auch eine qualifizierte Weiterbildung für Redakteure und freie Journalisten verlangt. Wie die „Digital Journalism Initiative“, kurz: DJI (nichts mehr ohne Abkürzung!), das praktisch angehen wird, bleibt abzuwarten. Sogenannte Innovation Field Trips, und zwar nach New York City, Chicago, Florida und London, stehen schon im Prospekt. Aber wie werden aus Schlagworten und Lustreisen gute Seminare für nachhaltige Weiterbildung?

„Qualitätsjournalismus“ – das ist übrigens ein Pleonasmus, ein weißer Schimmel. Denn erwartet nicht der Mediennutzer von jeglicher Journalismus-Spielart Qualität? Will er nicht stets verlässlich informiert werden, ohne erst die testierte Gütesorte auswählen zu müssen? Halten wir fest: Überstrapaziert missrät jedes Ideal zur Phrase. Deshalb sollte der Begriff sparsam verwendet werden.

Als Verkaufsargument ist er brandgefährlich. Denn jede einzelne Fehlleistung einer Redaktion wird heute in den sozialen Netzwerken, aber auch von der journalistischen Medienkritik hohnlachend ausgeschlachtet. Eilfertig skandalisiert man den Widerspruch zwischen hehrem Prinzip und profanem Fauxpas. Ist „Qualitätsjournalismus“ damit als Wortmüll entlarvt? Das nun doch nicht.

Journalismusintern, in den Redaktionen und bei der Ausbildung wird der Normbegriff „QJ“ noch immer gebraucht: als Leitidee für ein anzustrebendes Ideal, als Motivation für den ambitionierten, den elaborierten, den besseren Journalismus, der sich nicht darin erschöpft, die Verlautbarungen anderer nur medial zu verstärken. Sondern der mittels Relevanzprüfung und Recherche, mittels Quellenkritik und Deutungsarbeit seinem Publikum einen Mehrwert des Verstehens und der Orientierung bietet – in einer unüberschaubaren, zunehmend wirren Welt.

Volker Lilienthal ist Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg. Er lebt in Berlin.