Radio : Digital? Die Industrie bremst!

Radio ist so beliebt wie nie zuvor. Doch das Medium hat ein Problem: Smartphones übertragen es nicht mit digitaler Technik, sondern nur über das Internet – weil die Netzbetreiber gut daran verdienen. Das ist vielen zu teuer. Was passieren muss, damit dem Radio die digitale Wende gelingt

Alice Hasters
Nur wenige empfangen Radio über digitalen Weg. Wenn es auf mobilen Endgeräten empfangbar wäre, würde sich das ändern.
Nur wenige empfangen Radio über digitalen Weg. Wenn es auf mobilen Endgeräten empfangbar wäre, würde sich das ändern.Grafik: Carmen Klaucke

Alle hören Radio. Im vergangenen Jahrzehnt hat die Hörerschaft kaum abgenommen, mehr als 80 Prozent der Europäer schalten täglich ein, die Zahlen sind stabil. Gerade morgens auf dem Weg zur Arbeit hat das Radio seine Sternstunde. Überraschend ist, dass dies größtenteils analog passiert – vor allem in Deutschland. UKW, die Ultrakurzwelle, ist seit den Anfängen des Radios die beliebteste Empfangsart geblieben. Mehr als 90 Prozent der Deutschen nutzen sie nach wie vor. Dabei gibt es schon lange eine neue, bessere Technik: DAB – Digital Audio Broadcasting. DAB überträgt Radiokanäle auf höherer Frequenz. Das sorgt für eine bessere Klangqualität und zuverlässigere Übertragung. Besonders, seitdem es die neue Version, DAB +, gibt. Mit der Digitalübertragung bekommt der Hörer außerdem Zusatzservices auf dem Display angezeigt: Stauinfos für Autofahrer oder Interpret und Titel der im Radio gespielten Musik.

Analoges Radio ist offenbar zu beliebt, um UKW abzuschalten

Derzeit werden in ganz Europa UKW und DAB+ gleichermaßen angeboten. Wer sich heute ein Radio kauft, wird kaum noch ein Gerät finden, das nur UKW überträgt. Fast alle Geräte können analoge und digitale Signale empfangen. Aus gutem Grund: Die meisten Rundfunkanstalten in Europa wollen UKW abschalten. Denn die digitale Übertragung spart Kosten und Platz und erlaubt mehr Programmvielfalt. Doch dafür müssen alle europäischen Sender an einem Strang ziehen, DAB+ bewerben und vorantreiben. Vorreiter ist Norwegen: Als erstes Land wird es voraussichtlich 2017 UKW abschalten. Deutschland hat noch kein Ausstiegsjahr angekündigt, UKW ist offenbar zu beliebt.


Neben der Debatte über den UKW-Ausstieg steht der Radiomarkt vor einer weiteren Herausforderung. Die Nutzerzahlen für mobile Endgeräte steigen dynamisch, bis 2018 sollen 70 Prozent der Deutschen ein Smartphone besitzen. Doch bis heute ist kein Smartphone auf dem europäischen Markt, das DAB+ empfängt. Zwar haben einige Android-Modelle UKW-Empfang eingebaut – die meisten verzichten jedoch ganz auf terrestrische Radioübertragung. Wer mobil hören möchte, muss meist über das Internet streamen. Zwar wächst der Markt für das Internetradio – jeder Sender ist heute über App empfangbar – aber es wird die terrestrische Übertragung nicht einholen.

Radio und Smartphones im Wettstreit um die Automobilindustrie

Der Grund dafür ist simpel: Internetradio ist zu teuer. Außerhalb des WLANs frisst Streaming viel Datenvolumen und damit auch Geld und Akkulaufzeit. Warum gibt es also nicht schon längst einen Rundfunkchip in allen Smartphones? Technisch wäre das ohne Weiteres möglich. Doch die Telekommunikationsgesellschaften bremsen. Für sie ist die Datenübertragung ein rentables Geschäft.
Der Interessenskonflikt zwischen Radio- und Netzbetreibern spitzt sich gerade auf einem Gebiet zu: dem Auto. Es ist der Top-Markt für das Radio. Google und Apple sind jedoch einen Schritt voraus. Sie haben bereits Systeme entwickelt, die Smartphone und Auto verbinden, sodass sich Apps vom Autodisplay bedienen lassen. Kunden zum Kauf eines zusätzlichen DAB+ - Gerätes zu motivieren, kann schwierig werden. Manche würden vielleicht eher auf ein Radio verzichten, wenn es das UKW-Gerät nicht mehr tut – und dafür die eigene Mediathek auf dem Smartphone nutzen.

Dabei gibt es bereits eine Lösung, die für beide Seiten interessant wäre: Hybrides Radio, das DAB+ und Internet verbindet. Mit DAB+ würde mehr und länger Radio auf mobilen Endgeräten gehört werden – und somit gäbe es auch mehr Daten über Kunden. Die ermittelten Hörerpräferenzen könnten Telekommunikationsgesellschaften für individualisierte Werbung nutzen, die Kunden übers Internet empfangen. Zum Beispiel eine CD-Empfehlung zum gerade gehörten Lied mit Wegbeschreibung zum nächsten Laden.