Raif Badawi in Saudi-Arabien : Wie um die Freiheit des Bloggers gekämpft wird

Protestschreiben, Petitionen: Die Causa-Grafik zeigt, wie wer für den inhaftierten saudischen Blogger Raif Badawi kämpft. Aber: Helfen diese Maßnahmen?

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Das Engagement für Raif Badawi ist so gewaltig, dass es kompliziert geworden ist, die vielen Kommunikationswege - und ihren Effekt - zu ordnen. Die Causa-Grafik zeigt wie der König von Saudi Arabien von der Freilassung des Bloggers überzeugt werden soll.
Das Engagement für Raif Badawi ist so gewaltig, dass es kompliziert geworden ist, die vielen Kommunikationswege - und ihren Effekt...Grafik: Gesine Grotrian, Recherche/Text: Mohamed Amjahid

Zehn Jahre Haft, tausend Stockhiebe, öffentliche Demütigungen: Der Fall des saudischen Bloggers Raif Badawi, der in Jeddah wegen angeblicher „Beleidigung des Islams“ im Gefängnis sitzt, hat weltweit für Aufregung gesorgt und eine Solidaritätswelle ausgelöst. Die Causa-Grafik zeigt, wer sich alles auf welchen Kommunikationswegen für Badawi einsetzt – sowie welche Mittel effektiv sind und welche nicht. Hunderte Freiwillige, viele Menschenrechtsorganisationen wie zum Beispiel Amnesty International und westliche Regierungen kämpfen für seine Freilassung.

Amnesty International ist nur eine von vielen Organisationen, die den Fall Badawi weltweit bekannt gemacht hat. Badawis Ehefrau und seine drei Kinder werden von Amnesty im kanadischen Exil intensiv betreut. In Deutschland kümmert sich Regina Spöttl ehrenamtlich darum, dass die Öffentlichkeit den Blogger nicht vergisst. Sie demonstriert regelmäßig vor der saudischen Botschaft in Berlin und koordiniert die Kampagnen in Deutschland „Wir verlieren auch die vielen anderen gewaltlosen politischen Gefangenen nicht aus dem Auge“, sagt Spöttl. Raif Badawi gebe diesen Menschen aber ein Gesicht. Das nutzt Amnesty aus.

Der Fall "gefällt" dem westlichen Publikum

Badawis Frau Ensaf Haidar, die diese Unterstützung sehr öffentlichkeitswirksam nutzt, trifft – so schwierig es klingt – den medialen Geschmack des westlichen Publikums. Das weiß auch Constantin Schreiber. Er ist Journalist, Nachrichtenmoderator beim Sender N-TV und hat für den Privatsender RTL mehrere Homestorys mit Haidar und ihren Kindern in Québec gedreht. Schreiber ist Herausgeber des Badawi-Buches „1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke“ und organisiert im November den ersten „Raif Badawi Award für mutige Journalisten“.

Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner, der sich auch für die Freilassung Badawis einsetzt, beschreibt diesen proaktiven Ansatz als „PR für die gute Sache“. Wegner dachte lange über sein Engagement nach und tat sich durchaus schwer, so deutlich Partei zu ergreifen in seiner Rolle als Chefredakteur. „Wir sollten als Journalisten nicht allzu oft die Grenze zum Aktivismus überschreiten. Im Fall Badawi ist das aber Okay.“ In einem solchen Fall müsse man als Journalist eine Haltung zeigen. Wen man damit von Deutschland, von Europa, vom Westen aus anspricht, sei aber zumindest fragwürdig.

Schadet Femen dem Blogger?

Denn auch Prominente stellen sich demonstrativ an die Seite von Raif Badawi: Bono mit seiner Band U2, die gesamte Redaktion von „Charlie Hebdo“ und Femen-Aktivistinnen setzen sich für den Blogger ein. Ob das die saudischen Behörden beeindruckt? „Es verhilft Badawi nicht zur Freiheit, aber es schützt ihn erstmal vor weiteren Schlägen“, sagt Constantin Schreiber. Bei fast allen Unterstützern Badawis ist die Hoffnung auf eine baldige Freilassung groß, die realpolitische Erwartungshaltung umso bescheidener.

Ensaf Haidar denkt und fühlt in diesem Punkt anders. Haidar darf auch dank der weltweiten Aufmerksamkeit einmal pro Woche mit ihrem Mann telefonieren. Das sind ganz konkrete Erfolge, die sie auf ihre Öffentlichkeitsarbeit zurückführt. Wöchentlich versucht sie ihren Mann zu updaten, in Sachen „Free Badawi“-Kampagnen. „Es gibt ihm Kraft“, sagt Haidar. Sie will weiter, mit Hilfe der verschiedenen Akteure aus Gesellschaft und Medien, öffentlich für ihren Ehemann kämpfen.

Weniger oder mehr Diplomatie?

Die verschiedenen Akteure und ihre Kommunikationswege komplementieren sich dabei. Doch die gute Intention, integer für Menschenrechte einzustehen, kann auch nach hinten losgehen. Vor allem auf Regierungsebene.
Frank Walter Steinmeier ist im Nahen Osten als leiser Diplomat bekannt. Die Bundesregierung spricht wichtige Menschenrechtsfragen meist hinter verschlossenen Türen und nebenbei an – und verknüpft sie an bilaterale Gespräche über die Sicherheits- und Wirtschaftspolitik.

Die schwedische Außenministerin Margot Wallström agierte zunächst offensiver, gab dann aber klein bei Sie bezeichnete Saudi Arabien als „mittelalterlich“ und verurteilte die verhängte Strafe gegen Badawi scharf. In einem Tweet schrieb sie: „Dieser grausame Versuch, moderne Formen der Meinungsfreiheit zum Schweigen zu bringen, muss gestoppt werden.“ Als direkte Maßnahme legte sie einen Rüstungsdeal mit Saudi Arabien auf Eis.

Die saudische Regierung zog daraufhin ihren Botschafter aus Stockholm ab. Nur eine offizielle Entschuldigung, persönlich von einem ranghohen Diplomaten an König Salman ibn Abd al Aziz in Riad ausgehändigt, besänftigte den Monarchen und vor allem seine erzkonservative Entourage. Der König ist formal die letzte und einzige Instanz, die Badawi begnadigen kann.

„Die schwedische Haltung zum Thema Menschenrechte ist bekannt. Wir machen aber keine Angaben mehr zu diesem Fall“, heißt es nun aus dem schwedischen Außenministeriums.

Dieser Text erscheint am 23. August 2015 in "Causa". "Causa" ist eine neue Publikation des Tagesspiegels, die Sie auch als E-Paper lesen können.

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