Rentner in den Medien : Das alte Bild

Alte Menschen machen ein Viertel der Bevölkerung aus. Längst werden sie von der Werbebranche als Konsumentengruppe angesprochen. Aber in den deutschen Medien kommen Rentner kaum vor. Wenn doch, dann als Problemfälle, deren Pflege zu viel kostet und menschenunwürdig sei. Warum ist das so? Eine neue Studie sucht Antworten.

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Von wegen abwärts. Im Alter lassen sich noch große Ziele erreichen. In der Wahrnehmung der Menschen ist diese Seite des letzten Lebensabschnitts meist negativ konnotiert.
Von wegen abwärts. Im Alter lassen sich noch große Ziele erreichen. In der Wahrnehmung der Menschen ist diese Seite des letzten...Foto: imago/Südtirolfoto

Bilder des Alters. Jeder hat sie vor Augen. Die Alten auf den Ruhebänken im Park, Tauben fütternd und versonnen in den Sonnenuntergang blickend; die Alten hinterm Kachelofen, die Tabakspfeife stopfend; die Alten mit Gehstöcken und kleinen Schritten über die Bürgersteige schlurfend; die Alten aus zahnlosen Mündern mit den Enkelkindern lachend.

Es sind Bilder aus längst vergangenen Tagen, Klischees von gestern, die die heutige Wirklichkeit oft nicht mehr beschreiben. Neben diesen Altersstereotypen stehen deshalb ganz andere, aktuellere: Die Alten, die trotz Falten und Furchen geradezu ein Inbegriff an Vitalität und Lebensfreude zu sein scheinen; die Alten, die auf Kreuzfahrtschiffen eine fröhliche, unternehmungslustige Mehrheit bilden; die Alten, die in Ehrenämtern und Vereinen die Aktivposten gesellschaftlichen Engagements darstellen; die Alten, die der jüngeren Generation ein Erbe vermachen, das sich in einem reich gewordenen Deutschland nicht nach Milliarden, sondern in seinem Gesamtvolumen nach Billionen bemisst.

Natürlich kommen diese Altersbilder der heutigen Wirklichkeit näher. Aber auch sie beschreiben nur Ausschnitte aus der Realität, sind ebenfalls Stereotypen, die ein Abbild der Wahrheit nicht beanspruchen können. Vor allem aber: Woher kommen diese Bilder eigentlich? Worüber sprechen wir, wenn wir vom Alter reden? Von dessen Wirklichkeit oder von dem, was öffentlich über das Alter gesagt wird, von der Vermittlung in den Medien, in Filmen, in der Literatur? Das eine ist das Alter selbst, das andere sind die Erzählungen vom Alter, das Narrativ.

Die Macht der Alten dürfte geringer sein als allgemein angenommen

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege hat kürzlich eine Studie vorgestellt, in der solche Fragen untersucht werden, Titel: „Ein Heim, kein Zuhause. Das Bild von Altenpflege und Senioren in den Medien“. Das Schweizer Forschungsinstitut Media Tenor International hat dafür die Berichterstattung in den wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften sowie im Fernsehen untersucht, verschiedene Experten aus Pflege und Altersforschung haben den aktuellen Wissensstand zusammengefasst.

Die Ergebnisse sind sehr verschieden, aber in einem Punkt kommen die Beiträge zu einem gemeinsamen Ergebnis: Senioren sind in der Berichterstattung deutlich, ja extrem unterrepräsentiert. Während prominente Alte in den Medien gut vertreten sind, man denke zum Beispiel nur an den 96-jährigen Helmut Schmidt, bleiben die normalen Senioren als Hauptakteure oder als Gruppe ein Randthema, Informationen über sie unterhalb der Wahrnehmungsschwelle; sie machen zum Beispiel im Fernsehen nur 0,1 Prozent der gesamten Nachrichtenmenge aus. Das ist eigentlich erstaunlich, stellen die etwa 20 Millionen Rentner, die es in Deutschland gibt, doch ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Noch größer wird dieses Missverhältnis, wenn man ein wenig genauer auf die Inhalte der Berichterstattung blickt. Denn von diesen 0,1 Prozent entfällt ein großer Teil auf die gerade in letzter Zeit virulente Diskussion über das Renteneintrittsalter. Hätte es diese politische Auseinandersetzung nicht gegeben, dann wäre die Zahl der medialen Beiträge sicherlich noch erheblich geringer. Für die in der öffentlichen Meinung gerade bei der Debatte um die Rente mit 63 immer wieder behauptete Macht der älteren Generation, stellt sie doch ein erhebliches Wählerpotenzial dar, scheint es so gut wie kein Echo in den Medien zu geben, möglicherweise ist diese Macht deshalb erheblich geringer, als gemeinhin angenommen wird.

Lediglich beim Thema Altenpflege ist seit einigen Jahren eine steigende Präsenz in den Talkshows zu erkennen. Andere Themen hingegen wie etwa Gesundheit der Alten, Wohnsituation, Straßenverkehr, Mobilität spielen eine marginale Rolle.

Bilder wie dieses sind meist in Umlauf, wenn es um Themen des Alters geht. Über die Vitalität des "vierten" Lebensabschnitts wird wenig berichtet.
Bilder wie dieses sind meist in Umlauf, wenn es um Themen des Alters geht. Über die Vitalität des "vierten" Lebensabschnitts wird...Foto: Imago

Auch der demografische Wandel, den Deutschland und die gesamte westliche Welt seit Jahrzehnten erleben, ist in seiner grundlegenden, ja gesellschaftsverändernden Sprengkraft in den Medien noch kaum angekommen. Die Tatsache, dass sich heute das seit Jahrtausenden tradierte, geläufige Bild von den drei Lebensaltern (Kindheit, Erwerbsarbeit, Alter) um ein viertes Alter erweitert hat, die Zeit zwischen 65 und 80, in der viele der älteren Generation noch bei guter Gesundheit sind, ist in der Berichterstattung sehr wenig berücksichtigt. In den Medien werden die Alten, wenn sie aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden sind, kaum differenziert betrachtet, sondern über einen Kamm geschoren und kaum wahrgenommen.

Ganz anders sieht es bei der Werbung aus. Hier sind die jungen Alten überaus präsent, sie heißen im PR-Jargon dann oft euphemistisch „Best Ager“ oder „Silver Ager“. Hierbei geht es aber keineswegs um Werbung für Treppenlifte oder Inkontinenzeinlagen. Es sind vielmehr Bilder von Senioren, die mitnichten am Rande des Lebens stehen, sondern mitten in ihm. Sie scheinen vor Gesundheit, Lebensfreude und Aktivität nur so zu strotzen, sehen prächtig aus mit ihren weißen Haaren, sind schön gebräunt, ausdauernd gut gelaunt und offenbar zu allem bereit. Ganz besonders zum Konsumieren und Geldausgeben. Trotz der äußerst kargen Bezüge des deutschen Durchschnittsrentners, die zurzeit bei gut 700 Euro im Monat liegen, ist die Generation der Ruheständler im oberen Segment mit nicht geringer Kaufkraft gesegnet. Die Werbebranche hat das schon seit vielen Jahren erkannt und nimmt die alten Fische gern an die Angel. Es sind ja Goldfische.

Von besonderem Interesse ist der mediale Umgang mit dem Thema Altenpflege. Hier zeichnet die Studie ein ambivalentes Bild. In den überregionalen Medien, heißt es, stehen Probleme und Defizite im Vordergrund: Vernachlässigung von Pflegebedürftigen, Fehler bei deren Behandlung, zuweilen gar Gewalt gegen sie. In lokalen Medien hingegen dominieren oft die positiven Berichte, Artikel über Veranstaltungen in Pflegeheimen, Tanznachmittage, Vorträge, Gymnastikkurse, Gesangsabende. Darüber wird nicht selten freundlich, oft recht empathisch berichtet.

Abgeschoben. In vielen Pflegeheimen bietet sich ein Bild des Jammers. Aber in vielen anderen auch nicht. Obwohl es heute mehr Pflegedienstleister gibt, sparen sie am Personal.
Abgeschoben. In vielen Pflegeheimen bietet sich ein Bild des Jammers. Aber in vielen anderen auch nicht. Obwohl es heute mehr...Foto: imago

Diese Differenz hängt indessen – und diese inhaltliche Unterscheidung macht die Studie nicht – mit den unterschiedlichen Rollen überregionaler und lokaler Medien zusammen. Während Letztere über örtliche Ereignisse berichten, die auch von begrenzter Bedeutung sein dürfen, widmen sich Erstere eher den grundsätzlicheren gesellschaftspolitischen Fragen. Und da dominieren, getreu der journalistischen Devise „new is, what different“, selbstredend die negativen Aspekte. Das hängt mit der Wächterfunktion der Presse und der elektronischen Medien zusammen, ist für sie konstituierend.

Für die Betreiber von Pflegeeinrichtungen wird diese Berichterstattung nicht selten zum Ärgernis. Das Image von Heimen und seinem Personal wird durch die häufige Erwähnung von Missständen und pflegerischem Versagen in seiner Gesamtheit oft diskreditiert. Angeprangert werden unter anderem die Arbeitsbedingungen, die schlechte Bezahlung, die Personalknappheit, das niedrige Berufsprestige. In keinem anderen Gesundheitsberuf ist so oft die Rede von Burn-out wie bei den Altenpflegern. Unter diesem Negativimage leiden Pflegekräfte oft. Deshalb machen Heimbetreiber gerne die folgende Rechnung auf: Die schlechte Presse, sagen sie, schrecke viele junge Menschen davon ab, den Beruf des Altenpflegers zu ergreifen. Das führe zu Personalnotstand, der wiederum zu Qualitätsminderung, was dann erneut zu schlechter Presse führe und so weiter. Ein wahrer Circulus Vitiosus.

Das Alter ist vielleicht einfach nur nicht sexy

Diese Betrachtung ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Denn Personalnotstand in den Heimen ist keineswegs immer dem Mangel an Arbeitskräften geschuldet, sondern oft auch Folge des Profitstrebens der Heimbetreiber, die nicht selten am Personal sparen. Den Schwarzen Peter bei den Medien zu suchen, ist seit vielen Jahren eine vielfach zu beobachtende Praxis der Pflegewirtschaft, verschleiert jedoch allzu oft die wahren Ursachen der Probleme.

Ohnehin ist festzuhalten, dass die Bilder der Alten, der Heime, der Pflegekräfte natürlich nur teilweise medial gestiftet sind. Denn der vermittelten Wirklichkeit steht die erlebte Wirklichkeit gegenüber. Und die wirkt beim Entstehen solcher Bilder ungleich stärker. Wer je ein schlecht geführtes Heim mit eigenen Augen gesehen, wer die vielfältigen Nöte in der Pflege erlebt hat, bei Heimbewohnern wie bei den Pflegern selbst, bei dem werden aus der Unmittelbarkeit der Anschauung Bilder entstehen, die von größerer Kraft sind als alle medial vermittelten. Die Wirklichkeit ist auch Wirklichkeit für sich selbst, nicht nur die Erzählung von ihr.

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