Sebastian Edathy : „Er hätte umgehend Reue zeigen müssen"

Wegen des Vorwurfs der Kinderpornographie ist Sebastian Edathy ein Ausgestoßener. Zudem hat der SPD-Politiker sämtliche Regeln der Krisenkommunikation missachtet. Eine Analyse aus unserem heute erschienenen Zeitungsteil "Causa".

Paul Middelhoff
Reuelos - und deshalb ausgestoßen? Sebastian Edathy.
Reuelos - und deshalb ausgestoßen? Sebastian Edathy.Foto: dpa

Mit einem einzigen Satz verbaute sich Sebastian Edathy seine Rückkehr ins öffentliche Leben. Der Satz lautete: „In der Kunstgeschichte hat der männliche Akt, auch der Kinder- und Jugendakt, übrigens eine lange Tradition.“ Zwar stimmte, was er sagte. Doch war ein kunsthistorischer Exkurs nicht das, was man von einem Politiker in seiner Situation hören wollte: keine Einsicht, keine Reue, stattdessen Rechthaberei.

Edathys verhängnisvoller Versuch, die gegen ihn erhobenen Kinderpornografie-Vorwürfe zu entkräften, erschien Anfang März 2014 im "Spiegel". Der SPD-Politiker hatte dem Magazin ein ausführliches Interview gegeben. Zu diesem Zeitpunkt hielt er sich bereits im Ausland auf, versteckt vor den heftigen Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit. Wenige Wochen zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Hannover Edathys Privatwohnung in seinem Wahlkreis Rehburg-Loccum nach Hinweisen auf den Besitz von Kinderpornografie durchsucht. Mit jedem Tag waren weitere Details über die Ermittlungen an die Öffentlichkeit gedrungen, den Journalisten zugespielt von ermittelnden Staatsanwälten und politischen Weggefährten des 45-Jährigen. Unaufhaltsam wuchs der Druck auf Edathy, sich öffentlich zu rechtfertigen – für eine überaus private Leidenschaft.

In dieser Woche endet der Untersuchungsausschuss im Fall Edathy. Das gegen ihn angestrengte Parteiausschlussverfahren wurde vorige Woche mit einem Kompromiss zu seinen Gunsten entschieden: Drei Jahre lang muss er seine SPD-Mitgliedschaft ruhen lassen. Doch nicht nur Edathy selbst hat mit den Folgen der Affäre zu kämpfen. Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) verlor den Job, die SPD-Spitze war blamiert und BKA-Chef Jörg Ziercke musste sich für fragwürdige Telefonate mit eben jener SPD-Spitze verantworten. Die Affäre sorgte auch deshalb für große Empörung, weil den Beteiligten im Umgang mit der Öffentlichkeit zahlreiche strategische Fehler unterliefen.

Die Edathy-Affäre: Vor allem ein Kommunikationsunfall?

„Im Fall Edathy wurde nicht rational gehandelt“, erklärt Professor Hans Mathias Kepplinger, „die schiere Angst hat Panik-Attacken bei allen Protagonisten ausgelöst.“ Der Mainzer Wissenschaftler, der sich seit über 20 Jahren mit Medienskandalen beschäftigt, hat eines ganz sicher gelernt: „Nur wer Ruhe behält, hat eine Chance, einigermaßen unbeschadet aus einer solchen Situation hervorzugehen.“ Die Edathy-Affäre – ein Kommunikationsunfall?

Im Zentrum der Affäre steht der Vorwurf der Kinderpornografie. Ein Thema, das unter Medienwissenschaftlern als ein großes Tabu post-moderner Gesellschaften gilt. Wie das Landgericht Verden im vergangenen März feststellte, hatte Edathy in den Jahren von 2005 bis 2010 beim kanadischen Online-Versandhändler „Azov Films“ 31 Videos und Fotoreihen von nackten Jungen bestellt und auch erhalten. Zwar hatte das Material nach Ansicht des Gerichts nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Die öffentliche Bewertung der Affäre beeinflusste das jedoch kaum: „Jeder Fall, der nur annähernd in das Kinderpornografie-Schema hineinpasst, löst sofort extreme emotionale Reaktionen bei einem großen Teil der Bevölkerung aus“, erklärt Skandal-Forscher Kepplinger. „Eine rationale Diskussion ist deshalb kaum möglich.“

Skandalforscher Kepplinger: "Es wurde nicht rational gehandelt"
Skandalforscher Kepplinger: "Es wurde nicht rational gehandelt"Foto: dpa

Wie stark die deutsche Öffentlichkeit auf das Thema Kinderpornografie reagiert, zeigte sich auch am Fall der Bundestagswahl 2013: Nachdem zuvor öffentlich wurde, dass Mitglieder der Grünen in den 80er Jahren Positionen der Pädophiliebewegung unterstützt hatten, brachte es die Partei nach der Wahl nur auf 8,4 Prozent (2009: 10,7 Prozent). Politikwissenschaftler gehen davon aus, dass die Berichte über die Nähe führender Grüner zu bekannten Pädophilen vor mehr als 30 Jahren ein wichtiger Grund für das schwache Wahlergebnis waren. Manche in der Partei meinen, das habe sie zwei Prozentpunkte gekostet. Auch der Ruf des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss, der 2010 wegen des Besitzes von Kinderpornografie zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, ist ruiniert. Wer einmal mit dem Thema Kinderpornografie in Verbindung gebracht wird, verliert in kürzester Zeit jede Unterstützung. Was hätte Edathy also überhaupt anders machen können im Februar 2014?

Der bis dahin angesehene Innenpolitiker und Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses trat als Bundestagsabgeordneter zurück, noch bevor die Staatsanwaltschaft ihren Verdacht öffentlich machte. Doch anstatt sich bereits zu jenem frühen Zeitpunkt der Öffentlichkeit zu erklären, begründete Edathy seinen Rücktritt mit gesundheitlichen Problemen. Als die parlamentarische Geschäftsführerin der SPD, Christiane Lambrecht, am 11. Februar zum ersten Mal von den Ermittlungen gegen ihren Parteikollegen sprach, war er schon verschwunden. Edathy wies den Vorwurf auf seiner Facebook- Seite als „unwahr“ zurück. Skandal-Forscher Kepplinger kritisiert die Flucht ins Ausland: „Wenn er nicht abgetaucht wäre, sondern sich gestellt und die Sache über sich ergehen lassen hätte, wäre das viel vernünftiger gewesen als durch diese Panikreaktionen den Eindruck des Versteckens zu erwecken oder sogar noch zu verstärken.“

"Taz und Rundschau, ARD? Hm, Moment, ich sage: Ne"

Allerdings ist das Abtauchen Edathys vor allem mit dem hohen psychischen Druck zu erklären, den Skandalberichterstattung bei den Betroffenen auslöst. „Die haben das Gefühl der Hilflosigkeit, dass sie sich nicht wehren können. In dieser Lage neigen sie zur Überreaktion“, erklärt Kepplinger.

Dabei war Edathy gar nicht vollends verschwunden. Mit Journalisten kommunizierte er vorerst nur per SMS und E-Mail, bis er Anfang März mit seinem exklusiven Spiegel-Interview den Anschein erweckte, die Medienkampagne aus seiner Position heraus sogar steuern zu wollen. Denn er beharrte darauf, dass der Kauf der Bilder und Videos legal sei und die Staatsanwaltschaft deshalb nicht gegen ihn ermitteln dürfe. Der Rechtspolitiker Edathy nutzte die juristische Spitzfindigkeit wohl auch als Schutzschild. Ging es vielleicht ja auch um einen Teil seiner Person, der ihm selbst fragwürdig war. Sein Erklärungsversuch misslang.

„Dieser im Ausland feixende Edathy kotzt mich an“, polterte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. „Wer Bilder nackter Jungen auch noch schamlos als Kunst bezeichnet, gehört in die Klapse.“ Aus der eigenen Partei erntete Edathy ebenfalls Kritik. SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel warf ihm „Selbstverteidigung“ vor. Die Reaktionen der Politiker belegen beispielhaft einen Erklärungsansatz der Kommunikationswissenschaft, nach dem ein Skandal erst dadurch an Fahrt gewinnt, dass ein vermeintlicher Missstand von anderen Politikern öffentlich kommentiert wird.

Als sich der Fokus der Berichterstattung im April 2014 langsam von der Person Edathys fortbewegte und nun stärker die politische Dimension der Affäre beleuchtete, ging der SPD-Politiker in seinem unbekannten Exil zum Gegenangriff über: Auf seiner Facebook-Seite wetterte er fast täglich gegen Parteikollegen und in seinen Augen fehlerhafte Berichterstattung von Journalisten. Am 16. Juli 2014 brachte er es mit seinem „Gaga-Gedicht“, wie es die „Bild“-Zeitung nannte, vor allem in die Online-Medien: „FAZ und Tagesspiegel? Lieber kauf’ ich mir nen Igel. Taz und Rundschau, ARD? Hm, Moment, ich sage: Ne.“

"Im Netz gibt es keine Normen, sondern Schläge unter die Gürtellinie"

Nie zuvor hat der Protagonist eines Medienskandals so intensiv soziale Medien zur Selbstverteidigung genutzt wie Edathy. Doch auch dieser Versuch, die Deutungshoheit über die Affäre zu bewahren, scheiterte. Christoph Neuberger, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu Online-Kommunikation forscht, sagt: „Während Reaktionen in den klassischen Medien kalkulierbar waren, ist die Reaktion der diffusen Masse von Netz-Nutzern viel weniger gut zu übersehen. Es gibt keine Normen, sondern viele Schläge unter die Gürtellinie“. Außerdem habe Edathy als Online-Akteur selbst kein gutes Bild abgegeben. „Wer immer kleinlich nachhakt, bekommt im Laufe der Zeit ein bestimmtes Image“, sagt Neuberger. „Ein dezentes Auftreten und eine gewisse Zurückhaltung wären für ihn wahrscheinlich günstiger gewesen.“

Ruhe bewahren und sich in Zurückhaltung üben – das sind die ältesten Tugenden einer bürgerlichen Vernunftkultur. Hätten sie Edathys politische Zukunft gerettet? Der Blick auf seinen SPD-Parteikollegen Michael Hartmann zeigt einen möglichen Umgang mit dem Skandal. Als im Sommer 2014 öffentlich wurde, dass Hartmann im Herbst 2013 kleine Mengen der Droge Crystal Meth gekauft und konsumiert hatte, entschuldigte er sich kurze Zeit später öffentlich und bat um Verständnis für seine Situation als viel beschäftigter Abgeordneter. Nur wenige Monate später konnte er seine Arbeit im Bundestag wieder aufnehmen.

In den Augen der Wissenschaft hätte Edathy die Reaktionen der Medien zumindest abschwächen können: „Jedoch wäre eine Website, die möglichst wenig Interaktionsmöglichkeiten bietet, wahrscheinlich die bessere Wahl gewesen“, sagt Neuberger. Tatsächlich veröffentlichte Edathy in den letzten Monaten immer wieder auch Morddrohungen, die er auf Facebook erhalten hatte.

Politische Krisenkommunikation verlangt vom Beschuldigten etwas anderes als ein Gerichtsprozess. „Er hätte umgehend Reue zeigen müssen. Aber dieses Insistieren, dass er nichts Verbotenes getan habe, hat sein Schicksal als Ausgestoßener besiegelt“, erklärt Skandalforscher Kepplinger. Reue ist als strategisches Mittel der öffentlichen Läuterung - ob ernst gemeint oder nicht – erstaunlich effektiv. Doch kurz nach der Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen ihn veröffentlichte Edathy vergangenen März auf Facebook ein Schreiben seines Anwalts. Darin steht: „Mit der Einstellung ist keine Schuldfeststellung verbunden. Sebastian Edathy ist daher nach wie vor als unschuldig anzusehen.“

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