Sommerinterviews mit Politikern : Um Inhalte geht's hier nicht

Heute werfen sie wieder die Ritual-Maschine an: Die Sommerinterviews beginnen. Schöne Bilder statt kritischer Fragen.

Arno Makowsky
ZDF-Moderatorin Bettina Schausten vor dem Sommerinterview mit Bundespräsident Joachim Gauck
ZDF-Moderatorin Bettina Schausten vor dem Sommerinterview mit Bundespräsident Joachim GauckFoto: dpa/ZDF/Frank Hempel

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und bei mehreren Bildern kommt es auf die Worte gar nicht mehr an. Übertragen auf die notorischen Sommerinterviews der deutschen Fernsehsender heißt das: Was die Politiker sagen, ist völlig egal. Wichtig ist die Botschaft, die von der Inszenierung, von den Bildern bestimmt wird.

Sommerinterviews im Fernsehen gibt es seit 1988; damals begann das ZDF, Helmut Kohl in seinem Urlaubsort St. Gilgen am Wolfgangsee heimzusuchen und zu befragen. Das Format schlug sofort ein, ARD, RTL und ntv zogen nach, das Sommerinterview wurde zum Ritual, das einer festen Choreografie folgt: Interviewter und Interviewer sitzen sich in für die Zuschauer ungewohnter Freizeitkleidung gegenüber, das Hemd offen, die Ärmel hochgekrempelt. Die ARD inszeniert ihre Gespräche auf der Terrasse des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses gleich beim Reichstag, das ZDF fährt den Politikern in ihre Urlaubsorte hinterher. Alles locker, alles entspannt. Zu Guido Westerwelle reiste das Fernsehteam 2008 mit 30 Mann, fünf Kameras und einem Kran nach Würzburg.

Politiker zeigen keine unkalkulierten Gefühle

Man fragt sich ja spontan, warum es Sommer-, aber keine Winterinterviews gibt. Die Antwort der Sender: Weil im Juli und August der politische Betrieb lahmliege, könne man die Akteure mal von ihrer „menschlichen Seite“ zeigen. Wie sagte Peter Hahne, der einstige Hohepriester der Politiker-Beweihräucherung? Seine Interviewpartner würden „drauflosreden, Gefühl zeigen, sich verplappern“.

Das ist natürlich Unsinn. Erstens gibt es die Sommerpause in der Politik kaum mehr. Wenn nicht gerade Griechenland untergeht, drehen Geheimdienste durch, oder es herrscht irgendwo Wahlkampf in Deutschland. Und schon gar nicht zeigen Politiker unkalkulierte Gefühle. Das ist vor allem die Schuld der Sender. Sie unternehmen nicht mal den Versuch, ein Sommerinterview inhaltlich anders zu führen, als das bei Politikergesprächen eben so üblich ist. Es sind ja auch die gleichen Journalisten, die an jedem Wahlabend die immer gleichen Fragen stellen. Und die immer gleichen Antworten bekommen.

Ein, zwei ritualisierte Belanglosigkeiten über den Urlaubsort, dann wird die bewährte Politikersätze-Erzeugungsmaschine angeworfen. Hier die so produzierten Top-3-Statements der vergangenen Sommerinterviews mit Angela Merkel: „Man muss miteinander reden, wenn man Lösungen finden will.“ – „Sich abseits zu stellen, ist für uns keine Option.“ – „Eine hunderprozentige Sicherheit gibt es nicht.“

Christian Wulff ließ sich zum Interview nach Norderney fliegen - auf Staatskosten

So bleibt das Besondere am Sommerinterview ausschließlich die Staffage. Den Sendern ist das ebenso klar wie den Politikern. Als der etwas dröge Horst Köhler auf Usedom befragt wurde, ließ das ZDF zur Belebung angeblich ein paar Windsurfer durchs Bild segeln. Wichtig ist der weite Blick übers Meer, die Berge, die heimatliche Landschaft. In Krisenzeiten machen alle Urlaub in Deutschland, bodenständig, wählernah. Dazu kommen individuelle Botschaften. Seit Jahren lässt sich die Kanzlerin nur noch in ihrem Amtssitz befragen – und zeigt damit: Ich bin immer da, auf mich ist Verlass. Als die rot-grüne Regierung Schröder/Fischer die Arbeit aufnahm, präsentierte sich der damals als „Turnschuh-Minister“ geschmähte Joschka Fischer im tadellosen Anzug und betonte dadurch seine Seriosität.

Nur Christian Wulff machte sogar beim Sommerinterview alles falsch. Beim Gespräch am Nordseestrand im Juli 2011 sagte er: „Ja, ich freue mich auf die Tage jetzt, mit der Familie, mit den Kindern...“ Dabei war er noch gar nicht in Urlaub, sondern das ZDF hatte ihn extra nach Norderney einfliegen lassen. Auf Staatskosten. Das Bild, das der Bundespräsident dadurch vermittelte, sollte sich später als nicht ganz falsch herausstellen.
Die Sommerinterviews 2015 beginnen am heutigen Sonntag mit Joachim Gauck (ZDF, 19.10 Uhr).

Der Text erscheint am 12. Juli in "Causa", einer neuen Publikation des Tagesspiegels. Sie können "Causa" auch als E-Paper lesen.

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