Trendkrankheiten : Morbus Media

Sind die Menschen wirklich krank oder machen die Medien sie erst dazu? Ein Paradebeispiel für den Streit um Trendkrankheiten ist Burn-out. Über die Wechselwirkungen von Berichterstattung und Hilfesuche.

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Wenn Dr. med. h. c. Hans Mohl zum Ende seiner Sendung mit sonorer Stimme „Guten Abend“ wünschte, waren viele Zuschauer um eine Krankheit reicher: „Morbus Mohl“.

Über drei Jahrzehnte, von 1964 bis 1993, hatte der Medizinjournalist mit dem „Gesundheitsmagazin Praxis“ im ZDF nahezu ein Monopol auf die Berichte über Krankheiten. Oft ziepte und zwackte es die Bundesbürger dann auch genau dort, wo Mohl es zuvor so seriös wie suggestiv prophezeit hatte. Am nächsten Morgen füllten sich echte Arztpraxen mit Menschen aus Mohls TV-Praxis.

„Morbus Mohl“ ist Vergangenheit. Krankheiten und Medizin aber sind in den Medien präsenter denn je. Fernseh- und Radiomagazine, Printmedien, Internet und Social Media bieten alles, was Interessierte (und Hypochonder) begehren. Bestimmte Krankheiten gehören zum Zeitgeist, das gab es schon immer. Die Causa-Grafik versucht am Beispiel von fünf Psychostörungen zu klären: Stehen die Häufigkeit einer Krankheit und das Medieninteresse in einem zeitlichen Zusammenhang? Was ist Auslöser, was Folge? Was natürlich nicht bedeutet, dass die beschriebenen Syndrome lediglich Erfindungen von Journalisten oder Bloggern sind. Oder dass Menschen, die über diese Störungen klagen, nicht wirklich leiden.

Das Paradebeispiel der letzten Jahre ist Burn-out. Wie aus dem Nichts kam das diffus umrissene Erschöpfungssyndrom auf die Titelseiten von Illustrierten und Magazinen und wurde in Talkshows heftig diskutiert. Prominente wie der Fußballtrainer Ralf Rangnick, der Sänger Peter Plate oder die Journalistin Miriam Meckel wurden zu Kronzeugen der „ausgebrannten Generation“. Die Störung war auf eine verrückte Art attraktiv. Wer an ihr litt, bewies, dass er für seine Sache gebrannt hatte und Opfer seiner Leistungsbereitschaft wurde. Die Zahl der Berichte über Burn-out vervielfachte sich in wenigen Jahren.

Wie ein Reflex darauf erscheint die Zunahme der Krankschreibungen. Bis 2006 war sie kaum messbar. Ohne die Medien wäre Burn-out wohl Outsider geblieben. Komplizierter wird es bei der Depression, der großen Schwester des Burn-out. Das Krankheitsbild altbekannt, die Krankschreibungen nahmen aber in den letzten zehn Jahren deutlich zu. Parallel stieg das Medieninteresse. Wurden die Deutschen in diesem Zeitraum immer depressiver? Das ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass die Enttabuisierung den Depressiven den Mut verlieh, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen. Die Medien waren an der Enttabuisierung beteiligt und haben diese Entwicklung beschleunigt. Kritisch betrachten viele Journalisten, dass bei mehr und mehr Kindern und Jugendlichen ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, „Zappelphilipp“) festgestellt wird und Psychopharmaka wie Methylphenidat („Ritalin“) verschrieben werden.

Die Zahl der Klinikaufenthalte stieg seit 2003 um 50 Prozent, das Interesse der Medien nahm erheblich stärker zu. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich eine Störung wie ADHS so rasch ausbreitet. Eher ist zu befürchten, dass Kinder die Diagnose auch bekommen, um ihnen leistungssteigernde Mittel zu verordnen. Bei Autismus und Asperger verlaufen Diagnosezahl und Berichterstattung weitgehend parallel. In den USA, von wo viele Psychotrends nach Europa gelangen, ist Asperger („Autismus light“) zu einer Modediagnose geworden. Wer intelligent, aber ein wenig verschroben ist, erhält rasch das Etikett. Bei uns ist Asperger noch nicht so bekannt. Es könnte das Burn-out von morgen werden.

Ein Zusammenhang von Medieninteresse und Diagnosezahl lässt sich aber nicht bei allen psychischen oder psychosomatischen Störungen erkennen. Bulimie, die Ess-Brech-Sucht, ist seit Jahren ein stetes Thema der Berichterstattung. Die Zahl der meist weiblichen Erkrankten ist weitgehend konstant. In Fällen wie diesen spielen die Medien offenbar tatsächlich die Rolle, die sie oft nur vorgeben: Sie sind reine Beobachter.

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