Trends der Woche : Britische Politik wird regionaler und bunter

Am 7. Mai wählt Großbritannien ein neues Unterhaus. Kleine Parteien werden die großen Gewinner sein - und an der Regierungsbildung beteiligt werden.

Marius Guderjan
Wer kommt ins Unterhaus? Die Gewinner der Unterhauswahlen könnten vor allem kleinere englische Parteien sein.
Wer kommt ins Unterhaus? Die Gewinner der Unterhauswahlen könnten vor allem kleinere englische Parteien sein.Foto: dpa

Wenn Bürger anderer EU-Staaten auf Großbritannien blicken, dann meist aus Sorge, dass das Königreich zur nächsten Bedrohung für Europas Einheit wird. Für die Wähler auf der Insel spielt der Streit um EU-Mitgliedschaft oder Austritt eine nachgeordnete Rolle. Den Wahlkampf dominieren Themen wie die Dezentralisierung, die Rettung des Sozialsystems, die Wege zu mehr Wachstum und der Schuldenabbau. England und seine Metropolregionen fordern unter dem Eindruck der Emanzipation Schottlands nun erst recht mehr Mitspracherechte und mehr Autonomie. Metropole Großräume wie Manchester sollen die auf sie entfallenden Mittel des Nationalen Gesundheitssystems zugewiesen bekommen und in eigener Verantwortung ausgeben.

Marius Guderjan lehrt am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität.
Marius Guderjan lehrt am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität.Foto: Promo

Koalitionspartner werden wichtig

Großbritanniens politische Landschaft wird nicht nur regionaler, sie wird auch pluralistischer und bunter. Bis 2010 hatte in der Regel eine der beiden großen Parteien, Labour und Konservative, eine eigene Mehrheit im Parlament. Das gilt nicht mehr. Sie sind jetzt auf Koalitionspartner – oder die Tolerierung als Minderheitsregierung – angewiesen. Neben den Liberaldemokraten, die der bisherigen Regierung angehörten, können die regionalen Parteien aus Schottland, Wales und Nordirland auf wachsenden Einfluss oder im Fall der Schottischen Nationalpartei (SNP) auf Regierungsbeteiligung hoffen.

Die Hauptforderung, die die Briten an ihre Parteien stellen, lautet: Wer schafft den Dreiklang, Kosten einzusparen und die Schulden zu verringern, ohne die gewohnten Sozialstandards weiter abzubauen, und darüber hinaus ein Wachstum zu schaffen, das nicht nur dem Finanzzentrum London zugute kommt? Beide große Parteien, die Anspruch auf die Regierung erheben, haben das verstanden und reagieren darauf in ihren jeweiligen Strategien. Kurz vor der Wahl präsentieren sich die Konservativen als Vertreter der kleinen Leute. Labour bemüht sich umgekehrt darum, seine Wirtschaftskompetenz zu beweisen.

Dieser Text findet sich in "Causa" vom 03. Mai 2015 - einer neuen Publikation des Tagesspiegels, die jeden Sonntag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie auch im E-Paper lesen.

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