Zeitgeist-Phänomen : Vom achtsamen Umgang mit sich selbst

Sich selbst wahrnehmen, alles bewusster tun – dafür ist Achtsamkeit das Modewort. Mit ihm hat eine alte Idee vom gesunden Umgang mit sich die Mitte der Hochleistungsgesellschaft erreicht.

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Achtsamkeit ist zum Modewort der Stunde geworden.
Achtsamkeit ist zum Modewort der Stunde geworden.Foto: dpa

Weil sie nicht mehr konnte, weil sie erschöpft war, lebt Laura Roschewitz jetzt in einem kleinen Haus im Wald, am Rande von Hamburg. Sie ist vor drei Jahren dorthin gezogen. Das Studium an der Privatuni, zwei Nebenjobs, die Trennung von ihrem langjährigen Freund, es wurde ihr alles zu viel. Sie nennt es aber Leere. Keine Party konnte die füllen. Mit der Zeit ging es der Studentin in ihrem übervollen Leben immer schlechter. Es machte sie krank. Dann beschloss sie wegzuziehen, erzählt die 28-Jährige am Telefon. Sie arbeitet nur noch 20 Stunden in der Woche, liest und forscht und schreibt, um ihren Lebenswandel an andere weiterzugeben. Ein Smartphone hat sie nicht.

Wann der Stresspegel sehr hoch ist

„Viele aus der Generation der 15- bis 30-Jährigen haben ähnliche Probleme. Wir sind doch die Reizüberfluteten und Entscheidungsgestörten“, sagt Laura Roschewitz. Um das zu belegen, um zu zeigen, dass sie kein Einzelfall ist, schrieb sie vor zwei Jahren ihre Abschlussarbeit über das Phänomen. 588 Personen befragte sie in Deutschland, Azubis, Studenten, Berufstätige, Rentner.

Das Ergebnis: Etwa 80 Prozent der Studienteilnehmer spürten enormen Zeitdruck, mehr als die Hälfte wünschte sich alles mal ein bisschen langsamer. Dabei war es aber nicht die Zahl der Arbeitsstunden, die zählte. Die Teilnehmer hatten kein großes Problem mit langen Bürotagen, wenn sie wenig von der Meinung anderer abhängig waren und bei der Arbeit eigene Entscheidungen treffen konnten. Ihr Stresspegel war hoch, wenn das nicht der Fall war und sie überdies Wert darauf legten, den Erwartungen der anderen zu genügen.

Ausnahmezustand der Ego-Gesellschaft

Laura Roschewitz war dem permanenten Ausnahmezustand der Ego-Gesellschaft auf die Spur gekommen. In ihr soll der Einzelne seine Leidenschaften produktiv machen, mit der Folge, dass es keinen Rückzugsraum mehr für ihn gibt. Leistung wird um den Preis eines zerfaserten Lebens erbracht – und die Leistungsfähigsten, die unter 30-Jährigen, fühlen sich montags schon so erledigt, dass sie das Wochenende herbeisehnen. Die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren beinahe verdoppelt. Die mentale Überforderung führt zunehmend zu Konflikten, deren Ursachen den Beteiligten verborgen bleiben.

Zum Modewort der Stunde ist deshalb Achtsamkeit geworden. In den Buchläden stehen Ratgeben wie „Das Prinzip Achtsamkeit“ oder „Mit Achtsamkeit in Führung“ nebeneinander. Magazine wie „Flow“, „Mindart“ und „Happinez“, erklären, dass Kraft und Zufriedenheit von innen kommen.