CDU : Die Union verliert die Bürgerlichen

In Stuttgart haben die Grünen erneut gezeigt, dass sie die Partei der neuen Bürgerlichen sind. Die Union verliert in dieser Gruppe den Anschluss. Denn Bürgerlich-Sein ist auch nicht mehr, was es einmal war.

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Gut gelaufen für die Grünen: In Stuttgart heißt der Bürgermeister jetzt Fritz Kuhn.
Gut gelaufen für die Grünen: In Stuttgart heißt der Bürgermeister jetzt Fritz Kuhn.Foto: dpa

So ganz allmählich muss sich die CDU doch mal Gedanken machen, vertiefte, wenn möglich. Dieses Vertagen und Verschweigen von Problemen struktureller Art hat zwar Methode, nennen wir sie die Methode Merkel, aber es ändert nichts an der Erosion der Grundlage der CDU.

Und daran ändert auch nichts, dass die Partei in Umfragen bis zu 38 Prozent bekommt. Sie hatte ja auch mal 32 Prozent. Generell gilt, dass Umfragen keine Stimmen sind. Was zählt, findet in der Wahlkabine statt, im Geheimen also. Außerdem ändert das zumindest an dem Befund nichts, dass die Vorfrau, die Vorsitzende, beliebt ist. Angela Merkel ist so beliebt, wie es ihre Partei niemals werden wird. Es ist, umgekehrt, vielmehr so: Der CDU nützt es wenig, dass die Kanzlerin sich bis weit in die gegnerischen Kreise hinein der Beliebtheit erfreut. Die wählen sie am Ende trotzdem nicht. Stattdessen bleiben die Stammwähler zu Hause. Damit ist nichts gewonnen. Siehe Stuttgart.

Die CDU verliert, und zwar überall, wenn es darauf ankommt. Sie verliert in Städten und Ländern. In NRW hat sie verloren und in Baden-Württemberg, für Niedersachsen sieht es auch nicht mehr gut aus. In Hamburg ist sie weg, in Frankfurt, in Köln, in Stuttgart. Jetzt schieben sich die Grünen zum zweiten Mal vor die CDU – wenn das kein Grund zum Nachdenken ist. Und zur inhaltlichen Unruhe.

Die CDU verliert die Bindung zu dem, was sich heute bürgerlich nennen kann. Das sind sehr viele, denn unsere Gesellschaft ist inzwischen in weiten Teilen verbürgerlicht, wenn Bildung und wachsender Wohlstand Parameter sind. Die CDU verliert das Gespür dafür, was es bedeutet, dieses bürgerliche Verhalten.

Nennen wir es einmal Lebensverhalten. Das ist mehr als eine Attitüde. Die neuen Bürgerlichen sind zweierlei: umwelt- und bildungsbewusst. Großbürgerliche Klassensensibilität und Standesbewusstsein sind von gestern, jedenfalls nicht beherrschend. Umweltbewusstsein ersetzt bei vielen Wählern als Bindemittel das, was früher Religion war. Kurz: Grün-Sein wird eine eigene. Bürgerlichkeit wird darum zunehmend von den Grünen repräsentiert, denn die anderen, die christlich grundierten, ziehen sich weiter zurück in die Enthaltung. Das ist übrigens auch ein Schleichweg in gefährliches Terrain – in Entdemokratisierung durch grassierende Unlust, sich zu beteiligen. Anders gesagt: Was kümmert Heimatlose Heimat?

Für die CDU bedeutet das, dass sie in den sogenannten bürgerlichen Gegenden nicht mehr automatisch die Nummer 1 ist. Zu den kleinbürgerlichen hat als Letzter Helmut Kohl die Brücke geschlagen. Die CDU als Partei der kleinen Leute? So nimmt sie keiner mehr wahr, nicht einmal ihr Generalsekretär von Amts wegen, im Wissen um ihre Historie. Und wenn jemand diesen Mangel erkennt, wird er, besser: sie, von Merkel zurückgepfiffen wie Ursula von der Leyen. Strategisch klug ist das nicht. In Stuttgart waren dazu noch viele Wohlsituierte auf Seiten derer, die erst im Land und jetzt in der Stadt, der Industriemetropole wohlgemerkt, einen Wechsel herbeigeführt haben. Dass die SPD nicht profitiert, darf für die CDU kein Trost sein. Die SPD wird den Wettbewerb um den Begriff „bürgerlich“ noch verschärfen, weil sie ihn sich nicht ganz wird nehmen lassen wollen.

Wer die Begriffe besetzt, besetzt die Macht, wusste seinerzeit Heiner Geißler. Das war noch ein Generalsekretär! Wenn es heute einen gäbe … würde der als Erstes mal die Methode des Verschweigens beenden.

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