Meinung : CDU-Doppelspitze: Merz hat Sorgen

Wenn man zu spät in ein Amt kommt, dann ist es schwer, noch Wirkung zu erzielen. Über dem Bundespräsidenten liegt so ein schalldämpfendes Zu-spät, obwohl Johannes Rau zuweilen Reden hält, die durchaus bemerkenswert sind, oder eben: wären.

Das ist nicht schön für den Bundespräsidenten. Er leidet darunter wohl auch, aber nicht so sehr. Jedenfalls längst nicht so wie einer, der vor kurzem zu früh in ein Amt gekommen ist und nun unter der Last der Aufgabe zusammenbricht. Friedrich Merz, der junge und immer noch jungenhafte CDU/CSU-Fraktionschef behauptete gestern: "Dass Doppelspitzen nicht erfolgreich sind, ist falsch und historisch widerlegt."

Die Begründung seiner These braucht hier nicht weiter zu interessieren, es zählt in diesem Fall allein das Motiv: Merz will sich retten, indem er sich an seine Doppelspitzen-Partnerin Angela Merkel drängt. Er gesteht damit selbst ein, was in den letzten Wochen offenkundig geworden ist: Falls nach den Landtagswahlen am 25. März die Doppelspitze abgeschafft wird, dann wird gewiss nicht der Fraktionschef auch noch Parteivorsitzender, höchstens umgekehrt: Dann übernimmt die Parteivorsitzende auch noch den Fraktionsvorsitz. Damit entschiede sich dann eine Konkurrenz, in die sich Friedrich Merz nie hätte begeben oder drängen lassen dürfen. Denn das Rennen um die Kanzlerkandidatur kann er nicht gewinnen.

Zwischen Angela Merkel und dem dritten Kandidaten, Edmund Stoiber, entscheidet die Logik: Wenn die Union 2002 gut genug drauf sein sollte, um Gerhard Schröder besiegen zu können, dann wird man schwerlich das Verdienst von Angela Merkel daran abstreiten können und also wird sie Kanzlerkandidatin. Wenn die CDU keine reellen Chancen besitzt, wird sie auch Kanzlerkandidatin, weil Edmund Stoiber sich keine absehbare Niederlage einfangen möchte. Die Wahrscheinlichkeit spricht hier also für eine Kanzlerkandidatin Merkel.

Im Wettstreit zwischen Merkel und Merz wiederum entscheidet allein, wer Aussichten hat, Schröder zu besiegen oder ihn auch nur herausfordern zu können, ohne ausgelacht zu werden. Hier hat Angela Merkel zwei schwer einholbare Vorzüge gegenüber Friedrich Merz. Zum einen ist sie der Bevölkerung in den letzten zwölf Jahren - jenseits aller Sympathiewerte - zur guten, alten Bekannten geworden. Zum anderen ist sie eine Frau. In ihrer Kanzlerkandidatur verbände sich also das Vertrauen ins Bekannte mit dem Reiz des Neuen. Und was bringt Merz mit? Er war nie Minister, ist erst seit kurzem bekannt, war noch nie Landesvorsitzender und ist ein Mann.

Merz hätte sich all das an fünf Fingern ausrechnen können. Hat er vielleicht auch, aber gleichzeitig gedacht, er dürfe nicht von vornherein den Anspruch auf die Kanzlerkandidatur aufgeben, weil das seine Position als Fraktionsvorsitzender schwächen würde. Für diesen Fall wäre es allerdings notwendig gewesen, sehr elegant zu agieren, keinerlei Konkurrenz zu Angela Merkel zu zeigen und einmal im Monat mit ihr, ihrem Mann und Frau Merz demonstrativ in die Oper zu gehen, am besten in die Komische.

Stattdessen beging Merz unter dem Druck, unter den er sich selbst gesetzt hat, eine atemberaubende Zahl von Fehlern. Um die Fraktion hinter sich zu bringen, versuchte er immer besonders aggressiv zu sein und missbrauchte den Bruder des Kanzlers als Kronzeugen; kritisierte in unflätigem Ton Heiner Geißler; oder beschimpfte Joschka Fischer als linksextremen Gewalttäter.

Um seinen Mangel an Charisma wettzumachen, erzählte Merz von einer wilden Jugend, was aufgrund der natürlichen Grenzen sauerländischer Exzentrik wenig beeindruckte, ihm jedoch die Glaubwürdigkeit im Einsatz gegen Fischers Vergangenheit nahm. Der junge Merz hat sich rasch eine poppige Biografie ersonnen, anstatt sich langsam eine interessante zu erarbeiten. All das hat ihn - so die Umfragen - zum unsympathischsten Spitzenpolitiker gemacht.

Merz ist ein intelligenter, fachlich kompetenter, rhetorisch begabter Politiker. Aus ihm kann noch einiges werden. Aber erst übermorgen. - Da zurzeit die CDU-Spendenaffäre zu den Akten gelegt wird, sei hier noch vermerkt: Friedrich Merz ist eines ihrer Opfer.

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