CDU-Parteitag : Therapie mit Fantasie

Angela Merkel hätte es sich auf dem CDU-Parteitag leicht machen können. Für Law-and-Order-Sprüche und vornehmen Sarrazinismus ist die CDU durchaus anfällig. Merkel hat der Versuchung nicht nachgegeben. Ein Kommentar.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Bundeskanzlerin Angela Merkel.Foto: dapd

Von Helmut Schmidt stammt die abfällige Bemerkung, wer Visionen habe, möge nicht in die Politik gehen, sondern zum Arzt. Angela Merkel, die schmidtschste aller CDU-Kanzler, hat die Psychopathologie des Politischen jetzt um eine ähnliche Diagnose bereichert: Wer von Schwarz-Grün oder von Jamaika träume als Alternative zu Schwarz-Gelb, der gebe sich „Illusionen und Hirngespinsten“ hin. Schmidt ist als Politiker bekanntlich an einem Mangel an Fantasie gescheitert – er konnte sich nicht vorstellen, dass die FDP verrückt genug sein könnte für die halsbrecherische Wende von Rot zu Schwarz. Merkel mag nicht scheitern. Ihre Absage an die Fantasie muss also bessere Motive haben.

Tatsächlich sind diese nicht allzu schwer zu ergründen. Die CDU befindet sich, um im medizinischen Bild zu bleiben, gerade auf dem Weg von der Intensivstation ins normale Krankenzimmer. Nach einer mühsam gewonnenen Wahl folgte ein Jahr koalitionäre Dauerkatastrophe – das bringt auch gesunde Parteien in Atemnot. Doch die CDU war schon vorher kränklich. Vier Jahre Wohngemeinschaft mit dem historischen Hauptgegner stressen das Immunsystem. Dazu das Gefühl, dass die Vorsitzende vielleicht eine gute Regierungschefin ist, die eigene Partei aber bestenfalls ignorierte und schlimmstenfalls lästig fand – die Christdemokratie war ein Fall für die Klinik.

CDU-Parteitag mit Vorstandswahl
CDU-Chefin Angela Merkel geht trotz des Unmuts über den Fehlstart von Schwarz-Gelb mit großem Rückhalt ihrer Partei ins Superwahljahr 2011. Bei der Wiederwahl auf dem Parteitag in Karlsruhe stimmen 90,4 Prozent für Merkel.Weitere Bilder anzeigen
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15.11.2010 21:59CDU-Chefin Angela Merkel geht trotz des Unmuts über den Fehlstart von Schwarz-Gelb mit großem Rückhalt ihrer Partei ins...

Nun weiß die medizinische Wissenschaft mittlerweile, dass nichts so wirksam ist wie die Selbstheilungskräfte des Patienten. Die politische Wissenschaft weiß das schon lange. Dass der Parteitag in Karlsruhe lange, ernst und voller Respekt für die jeweils andere Haltung über das moralische Dilemma der Präimplantationsdiagnostik debattieren konnte, diese Selbstbesinnung stärkt das Selbstwertgefühl. Christdemokraten hatten seit langem zu wenig Grund, auf die eigene Partei stolz zu sein. Solche Debatten sind ein Grund. Noch bemerkenswerter ist, dass die CDU ihr Grundvertrauen in die Frau Doktor Merkel nicht verloren hat. Das hat zum Teil ganz unsentimentale Gründe. Zum Beispiel sind andere Chefärzte schlicht nicht in Sicht. Die alten Assistenz-Mediziner haben die Abteilung verlassen, die neuen müssen erst zeigen, was sie taugen. Wunderheilern bringt die CDU seit jeher gesunde Skepsis entgegen, auch solchen von Adel.

Deshalb hat der Parteitag das Therapieangebot der Chefin angenommen. Es bestand im Kern in der Ermunterung zur Selbstheilung. Die CDU ist stark, die CDU hat ein festes Fundament gemeinsamer Werte und Ideen, die CDU ist immer noch Volkspartei und vor allem – wer, wenn nicht die CDU selbst, kann dafür kämpfen, dass das alles so bleibt? Dabei hat Merkel eine heikle Balance gehalten. Im Ton war vieles alte CDU, um nicht zu sagen: Helmut Kohl. In der Sache kann von einem Rechtsruck keine Rede sein. Merkel hätte es sich leicht machen können. Für Law-and-Order-Sprüche und vornehmen Sarrazinismus ist die CDU durchaus anfällig. Merkel hat der Versuchung nicht nachgegeben. Umso bemerkenswerter, dass alle das Gefühl hatten, allmählich komme die Kopfpolitikerin im emotionalen Zentrum ihrer Partei an.

Dass dort exotische neue Kombinationen keinen Platz haben, keine schwarz- grünen, keine jamaikanischen – das versteht sich von selbst. Die Grünen sind überdies der eigentliche Gegner der nächsten Landtagswahlen, der in Baden- Württemberg vorweg. Die CDU des Stefan Mappus braucht dringend etwas, was die eigenen Leute an die Wahlurnen treibt. Er kann es gar nicht brauchen, wenn diesen Leuten die Grünen als auch-bürgerliche Alternative erscheinen. Merkel steht seit jeher im Verdacht, insgeheim Schwarz-Grün attraktiver zu finden als das Bündnis mit Guido Westerwelle. Deshalb jetzt die extra starken Töne.

Medizinisch handelt es sich bei dem Spruch von „Illusionen und Hirngespinsten“ allerdings um Placebotherapie. Wenn der Patient daran glaubt, kann die die Selbstheilungskräfte massiv aktivieren. Doch lässt sie sich rasch absetzen, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Merkel hat keine Visionen. Fantasie hat sie allemal genug.

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