Cem Özdemir : "Bei Stuttgart 21 ging es nie um die Bahn"

Cem Özdemir ist Schwabe. In Stuttgart verstehen sie ihn wie er sie. Özdemir ist der, der die Sprache der Bahnhofsgegner spricht. Ein Porträt.

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Cem Özdemir.
Cem Özdemir.Foto: dpa

Wenn Cem Özdemir mit dem Zug von Berlin, wo er mit Frau und zwei Kindern in Kreuzberg wohnt, nach Stuttgart fährt, sich Baustelle und Schlossgarten anschaut, dann ist er zu Hause. Nicht nur, weil er 2009 im Wahlkreis Stuttgart I kandidiert und mit fast 30 Prozent verhältnismäßig knapp den Einzug in den Bundestag verpasst hat. Nein, sondern weil der „Dschemm“ selbst Schwabe ist und sie ihn dort verstehen wie er sie. Dieser schwäbelnde Tonfall! Früher, als Özdemir eine Wohnung suchte und beim Vermieter anrief, hätte er bei vielen sofort einziehen können; sie sprachen eine Sprache. Bis er seinen Namen nannte. Da war die Wohnung dann doch schon weg. Integration ist auch eine Frage der Gelegenheit.

Özdemir wurde im Dezember 1965 als Gastarbeiterkind in Bad Urach geboren. Dort, wo Ex-FDP-Generalsekretär Helmut Haussmann daheim ist, herrscht ein liberaler Geist. Özdemir, ein säkularer Muslim, hat einen. Als Bundestagsabgeordneter damals noch in Bonn teilte er sich unter der Woche eine Wohnung mit dem griechischstämmigen (!) Liberalen Jorgo Chatzimarkakis, der später in einem Strategiepapier die Fusion von FDP und Grünen vorschlug. (Und heute Freund Özdemir, dass er seine Elvis-Koteletten stutzen soll.)

Özdemir ist – erst – seit 1983 Deutscher. Grüner wurde er zwei Jahre vorher. Dass Özdemir Sozialpädagoge von Beruf ist, kann ihm in der Partei nur helfen. Denn deren Streitkultur ist doch eher mangelhaft, ihre Sozialität befriedigend. 2009 verweigerten die Grünen ihm, dem Bundesvorsitzenden neben Claudia Roth, der bayerischen Schwäbin, einen Listenplatz für die Bundestagswahl.

Überhaupt hat er es nicht leicht gehabt, wiederzukommen. Özdemir war schnell Jungstar der Partei, war schon mal viel beachteter innenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion. Amt und Mandat legte er aber 2002 nieder, nachdem ein günstiger Kredit von PR-Berater Moritz Hunzinger und die private Verwendung dienstlich erworbener Bonus-Meilen Aufsehen erregt hatten. Dann saß Özdemir von 2004 an im Europa-Parlament, schied 2009 aus, um … Siehe oben. Grüne sind mitunter selbst schnell mit der Säge da, wenn Bäume in den Himmel wachsen könnten.

Womit wir zurück in Stuttgart wären. Özdemir gilt nicht wie sein Vorgänger im Grünen-Vorsitz, der Kurpfälzer Reinhard Bütikofer, als einer ihrer Strategen. Aber er ist der, der die Sprache der Bahnhofsgegner spricht. Besser als jeder andere.

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