Meinung : Chance vertan

„Bühne dicht“ vom 31. Mai

Als langjähriger Liebhaber unserer einzigartigen Hauptstadt und als passionierter Kunstfreund und gelegentlicher Sammler von ganz aktueller, zeitgenössischer Kunst fühle ich mich in Berlin sehr wohl. Seit ca. sieben Jahren fahre ich nur zu zwei jährlichen Messe-Highlights: Nach Basel – dort muss man einfach sein für den Überblick über die Kunst-Welt (des Westens) – und eben zum bisher einmalig positionierten, viel unkonventionelleren Art Forum nach Berlin. Diese wichtigste deutsche Messe für ganz brandneue zeitgenössische Positionen gilt in Sammlerkreisen als wichtiger Ort für Entdeckungen und manche schrillere und spannende Position. Zudem war es auch immer wieder ein Spielfeld für neuere Galerien, die noch nicht – wie in Basel – 20 harte Aufstiegsjahre hinter sich haben mussten.

Welche Ursachen auch immer zwischen Messegesellschaft, Galerien, Verbänden und Politik zu dieser blamablen Absage geführt haben: Ich bin in dieser Hinsicht von meiner neuen Stadt bitter enttäuscht. Solch eine etablierte und zuletzt – vielleicht mit Ausnahme des letzten Jahres – wieder kräftig aufstrebende, überschaubare wie undogmatische Messe mit all ihren Besuchern, Sammlern, Satelliten und Offenen Galerien in der ganzen Stadt einfach ersatzlos einzustampfen: Das ist nicht nur eine ökonomisch falsche Entscheidung, das ist schlicht nicht hauptstadtfähig!

Das alles darf ob der unglaublichen Bedeutung der zeitgenössischen Kunstszene, die bei vielen Künstlern und in manchen Galerien eindeutig Weltklasse-Niveau hat, zumindest für 2012 das letzte Wort nicht sein. So viele Ressourcen in der Weltliga hat Berlin nun auch nicht.

Ich denke, alle deutschen und viele europäische Sammler werden das Art Forum in diesem Jahr bitter vermissen - und Berlin die Einnahmen, Übernachtungen und viele Sekundäreffekte. Deshalb, ganz klar an den Landesverband Berliner Galerien, die Kulturszene, die Messe, an alle Verantwortlichen: Bitte an einen konstruktiven Runden Tisch und dieses schöne, einzigartige Juwel in den lichtdurchfluteten Berliner Messehallen für alle Kunstliebhaber von nah und fern wiederbeleben! Ich helfe mit Außenblick dabei gegebenenfalls gerne mit.

Wie wenig sich viele Hauptstadtbewohner und das Umland mit der existenziellen Metropolenfunktion dieser Stadt identifizieren, zeigt auch die äußerst provinzielle Diskussion um Fluglärm und -routen. So fahrlässig kann man, sorry, mit seiner Zukunft und den wenigen boomenden Branchen wie Tourismus und internationalen Events, einfach nicht umgehen.

Thomas A. Schneider,

Berlin-Moabit

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