Chaos bei der Bahn : Zu schlank für die Kunden

Die Zustände bei der Bahn sind Folge einer Politik, die alles dem Markt überlässt. Getrimmt auf Effizienz, schlank und rentabel, so sollte der Konzern sein. Das Chaos in Mainz zeigt nun aber: Diese Politik funktioniert nicht. Was wir brauchen, ist etwas ganz anderes.

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Hauptbahnhof Mainz.
Hauptbahnhof Mainz.Foto: Reuters

Nehmen wir mal an, Sie haben sich verletzt, vielleicht eine Rippe gebrochen oder ziemlich tief mit dem Messer geschnitten. Jedenfalls fahren Sie zum Krankenhaus. Dort können Sie was erleben. Selbst hier, in der akuten Notfallversorgung, ist das Personal so knapp, dass mehrstündige Wartezeiten möglich sind. Wer das gut übersteht, hat Glück gehabt. Und weiß nun etwas besser um die Zustände in den deutschen Krankenhäusern, wo es an allen Ecken und Enden an Personal fehlt. Wie bei der Bahn.

Gesundheit, Mobilität, Bildung, Sicherheit – das sind Bereiche der Daseinsvorsorge, für die der Staat Verantwortung hat. Die Auffassung darüber, wie diese Verantwortung wahrgenommen wird, ändert sich. In den neoliberalen Jahren nach 1990 war der Staat auf dem Rückzug, Deregulierung und Privatisierung verschafften dem Kapital freie Bahn. Selbst sozialdemokratische Politiker versuchten sich mit Steuersenkungen zu profilieren. Oder mit Börsengängen.

Und was hat das alles mit der Notaufnahme im Krankenhaus oder dem Mainzer Bahnhof zu tun? In den vergangenen 20 Jahren wurden 20 000 Pflegestellen in den Krankenhäusern gestrichen, die Belegschaft der Bahn hat sich im selben Zeitraum halbiert. Getrimmt auf Effizienz, schlank und rentabel, nach betriebswirtschaftlichen Kategorien modern gemacht – dumm für die Kunden, die sowohl bei der Bahn als auch beim Krankenhaus kaum ausweichen können auf einen besseren Dienstleister.

Also doch mehr Wettbewerb, wie Rainer Brüderle meint? Mehr private Bahnen und Krankenhäuser, weil die Mechanismen des Marktes doch immer noch am ehesten optimale Leistung gewährleisten? Schon wahr. Aber dann fahren, zu Ende gedacht, Züge nur noch da, wo sie sich rechnen. Und die privaten Betreiber von Krankenhäusern orientieren sich auch dorthin, wo die Kundschaft ist, in die größeren Städte. Ärztliche Leistungen schließlich gibt es nach Zahlungsfähigkeit – privat versicherte Patienten werden schneller und besser behandelt als der gemeine Bürger.

Zum Teil ist das alles schon Realität. Auch deshalb ist erstaunlich, wie sich die Gesellschaft über die aktuellen Missstände am Mainzer Bahnhof aufregt, nachdem eine Handvoll Fahrdienstleiter im Urlaub ist oder sich krank gemeldet hat. Die Empörung ist jedoch berechtigt, wenn Mainz als Symptom gesehen wird für ein krankes System vermeintlicher Höchstleistung: Alle und alles soll immer effizienter werden und der Einzelne dabei immer mehr leisten – bis nichts mehr geht. Ein System, ein Unternehmen ohne Reserven, weil jeder Unternehmensberater (für ein fettes Honorar) den Abbau von Personal fordert; weg mit dem lästigen Kostenfaktor.

Politiker, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind, haben einen anderen Horizont. Sie sind verantwortlich dafür, dass die Kinder in den Schulen gut unterrichtet werden, dass Sicherheit und Gesundheit nicht am Einkommen hängen und dass öffentliche Verkehrsmitteln funktionieren. Sonst brauchen wir keine Politiker.

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