Meinung : Charité: Vor dem Kollaps

Uwe Schlicht

Nur eine Institution in Berlin kann es sich leisten, dem neuen Senat den Fehdehandschuh hinzuwerfen: die Charité. Sie hat einen weltweiten Ruf, sie hat bei der Drittmitteleinwerbung für die Forschung unter den deutschen Universitätsklinika den ersten Platz errungen. In der Biomedizin steht sie vorn - die Chancen, dass mit Hilfe der Charité wissensbasierte Arbeitsplätze in Berlin geschaffen werden, wachsen von Jahr zu Jahr. Ausgerechnet dort droht jetzt der Kollaps, weil der von der SPD geführte Senat 145 Millionen Mark in der Medizin sparen will.

Welche Gründe außer dem großen Haushaltsloch die SPD umtreiben, ist nicht zu klären. Es gibt Hinweise, dass man die Medizinprofessoren mit ihren hohen Nebeneinnahmen als Klientel der CDU betrachtet. Das wäre reine Ideologie. Oder dass man die Medizin als ein Fass ohne Boden ansieht, weil sie immer schon von allen Disziplinen die meisten Gelder beansprucht. Das ist ein bundesweites Faktum. Naturwissenschaften, Ingenieurausbildung und Medizin sind die teuersten Studiengänge, aber sie schaffen auch die meisten wissensbasierten Arbeitsplätze.

Dann gibt es noch die fragwürdige Berechnung, dass die Studentenausbildung, gemessen am Staatszuschuss, in Berlin besonders teuer wäre. Das ist nicht nur ein Äpfel-mit-Birnen-Vergleich, sondern zeugt auch von dem Niveau der neuen Regierung, Pläne der Vorgänger zu verdrängen: In Berlin wurde ein Großklinikum unter dem Namen Charité geschaffen, damit die Hochschulmedizin, die in der Weimarer Republik noch Weltgeltung hatte, wenigstens in Deutschland wieder an die Spitze vorstößt. Deswegen haben die Politiker der Freien Universität das damals modernste Universitätsklinikum Deutschlands, das Rudolf-Virchow-Krankenhaus, genommen und der Charité zugeschlagen. Bewusst sollte die Forschung den großen Anstoß bekommen und bewusst wurde die Zahl der Studienanfänger von den Politikern herabgesetzt, ja die Herabsetzung gegen verfassungsrechtliche Bedenken geradezu erzwungen. Das treibt die Kosten in die Höhe. Soll das heute nicht mehr gelten, wenn die Erfolge zu ernten sind? Das wäre Wahnsinn.

Darüber hinaus hat der Regierende die aus Hamburg hereingeflogene Wissenschaftssenatorin desavouiert, die zuvor erklärt hatte, 150 Millionen Sparauflage in der Hochschulmedizin seien nicht vertretbar. Danach stellte Wowereit sein Ultimatum, keine neuen Hochschulverträge ohne 150-Millionen-Sparbeitrag der Medizin. So geht die SPD mit dem Koalitionspartner um.

Wenn die Hochschulen dennoch die neuen Verträge unterschreiben, dann nur aus einem Grund: Sie kennen die Unberechenbarkeit der Berliner Verhältnisse leidvoll. Feierliche Regierungsversprechen sind das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben wurden. Das zeigt das Schicksal des Ausbauversprechens für die Charité am Standort Mitte. Nur Verträge, deren Nichtbeachtung vor Gericht einklagbar wäre, können einen Rest an Planungssicherheit bieten. Die benötigen die Hochschulen, um die große Erneuerung unter den Professoren in den kommenden Jahren überhaupt bezahlen zu können. Wer will denn noch nach Berlin kommen, wenn in der Politik auf nichts mehr Verlass ist und andere Länder die besten Köpfe mit Zusagen von Bestand locken?

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