Meinung : Chauvin und andere nette Nachbarn

Von Roger Boyes

Mir geht es wie vielen Tagesspiegel-Lesern auch: Ich leide derzeit an einer gewissen Frankreich-Müdigkeit. Die Zeilen verschwimmen vor meinen Augen, wenn ich das Wort „Elysée“ lese. Zu den Krankheitssymptomen gehört auch eine Aversion gegen Rotwein – das geht vorüber –, Alfred Grosser und Fotos, auf denen Helmut Kohl und Francois Mitterrand Händchen halten wie zwei Teenager an der Bushaltestelle nach ihrem ersten Rendezvous.

Die Geschichte wird derzeit so schnell umgeschrieben, dass die meisten jungen Deutschen glauben müssen, es gebe eine Erbfreundschaft zwischen Paris und Berlin. Das Fernsehen hat uns direkt vor den großen Feierlichkeiten schon einen gesäuberten Napoleon vorgeführt: einen charmanten, zärtlichen Frauenversteher. In dieser Version war Napoleons großer Fehler nicht etwa, dass er Europa mit Gewalt einigen und beherrschen wollte, sondern dass er auch noch in Russland einmarschiert ist. Nun ja, die Deutschen sind später bekanntlich diesem französischen Beispiel gefolgt.

Man sollte jungen Deutschen beibringen, dass die Franzosen nicht ausnahmslos so charmant und zärtlich sind wie Bonaparte – auch wenn die rund acht Millionen Worte in den Zeitungen der vergangenen Woche einen das glauben lassen könnten. Hier nur exemplarisch drei Namen, die bei dem französisch-deutschen Liebesfest keine Erwähnung fanden: Dr. Josephe-Ignace Guillotin, Förderer einer großartigen französischen Erfindung, der Guillotine. Heutzutage benutzen die Franzosen lieber eine andere Redensart, wenn einer guillotiniert wurde: „racourci“ – (einen Kopf) kürzer. Charmante Leute, nicht wahr?

Oder Nicolas Chauvin („Je suis francais, je suis Chauvin“), der Namensgeber des Chauvinismus, das andere große Geschenk der Franzosen an den Rest der Welt. Und natürlich Jean Bigot, der Religionsminister Napoleons, der für das Wort Bigotterie und all die Bigotten Pate stand (wie etwa Jean Marie Le Pen).

Jeder englische Schuljunge könnte diese Liste noch verlängern. Wir Briten betrachten die französisch-deutsche Partnerschaft schlicht mit Misstrauen. Denn sie basiert auf einer falschen Logik: Zwei Erbfeinde sehen ihr gemeinsames Interesse darin, einen gemeinsamen Erbfeind zu finden. Der Elysée-Vertrag 1963 wurde geschlossen, kurz nachdem de Gaulle die Engländer aus der Europäischen Gemeinschaft vertrieben hatte. In ähnlichem Geist agierten Jacques Chirac und Gerhard Schröder in dieser Woche mit dem Hinweis, George W. Bush sei möglicherweise gefährlicher als Saddam. Sieht so eine gesunde Beziehung aus? Ich glaube, nein.

Das eigentliche Problem dieser seltsamen Freundschaft liegt aber darin, dass Frankreichs Schwäche und Deutschlands Schwäche sich gegenseitig verstärken. In dem exzellenten Film „Alte Liebe rostet nicht“ einer gewissen Pascale Hugues meinte eine Frau dieser Tage, die Franzosen seien noch bürokratischer als die Deutschen. Und nun verkünden Frankreich und Deutschland, die Zukunft Europas liege in noch mehr Bürokratie, nicht in weniger. Sie schlagen eine Doppelspitze für die EU vor, mit einem weiteren Präsidial-Apparat, der dem der Kommission in nichts nachsteht. Brauchen wir ein solches Europa? C’est fou.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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