• Chemisch, biologisch – oder gar nicht? Die UN müssen Amerikas Waffenfunde im Irak überprüfen

Meinung : Chemisch, biologisch – oder gar nicht? Die UN müssen Amerikas Waffenfunde im Irak überprüfen

Malte Lehming

Also, wo sind sie nun? Der Krieg ist vorbei. Was fehlt, ist der Kriegsgrund. Angeblich soll der Irak über mehrere tausend Tonnen biochemischer Waffen verfügt haben. Aus dieser Annahme hat die US-Regierung die maßgebliche Legitimation für ihren Krieg abgeleitet. Im Moment wird die Diskussion zwar vom Befreiungsmotiv überlagert – gestürzter Diktator, jubelnde Massen, ein neuer Naher Osten. Doch das sind allenfalls willkommene Nebeneffekte. Das zentrale Element in der amerikanischen Rhetorik war stets die Behauptung, Saddam Hussein stelle Massenvernichtungswaffen her, die in die Hände von Terrororganisationen gelangen könnten. Es wäre fatal, diese Waffen jetzt nicht zu finden. Der Verdacht würde genährt, in Washington werde Politik mit den Mitteln der Propaganda betrieben.

Erst haben die UN-Waffeninspekteure gefahndet, seit Beginn des Krieges durchkämmen US-Spezialisten das Land. Ergebnis? Negativ. Bislang haben sich alle „spektakulären Funde“ als falsch erwiesen. Außerdem werden von Experten berechtigte Zweifel an der Zuverlässigkeit vieler US-Geheimdienstinformationen geäußert. Das „brisante Dossier“, das der britische Premier Tony Blair vorgelegt hatte, war zu großen Teilen abgeschrieben. Auch der effektheischende Auftritt von US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat wirkte im Nachhinein wenig überzeugend. Der Kriegsverlauf schließlich hat die Zweifler erneut bestätigt. Obwohl er nichts mehr zu verlieren hatte, verzichtete der „skrupellose“ Diktator darauf, seine letzte, seine ultimative Waffe einzusetzen. Ist doch seltsam, oder? Langsam schlägt der Zweifel in Gewissheit um, die Gewissheit in Spott: Die stets so moralisch tuenden Amerikaner haben die ganze Welt betrogen.

Ein Betrug setzt böse Absicht voraus. Die Schlüsselfrage lautet daher: Wie wahrscheinlich ist es, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat? Denn wer meint, es gebe solche Waffen nicht, weil noch keine gefunden wurden, glaubt an ein höchst abenteuerliches Szenarium. Demnach wäre Folgendes passiert: Saddam Hussein, der im Iran-Krieg und gegen die Kurden Chemiewaffen eingesetzt hat, der nach dem Golfkrieg harsche UN-Sanktionen auf sich nahm, um die Zerstörung dieser Waffen zu verhindern, der die UN-Waffeninspekteure jahrelang an der Nase herumführte, bevor sie 1995 seine Bestände trotzdem entdeckten, der die Inspekteure weiter behinderte, bis sie 1998 das Land verließen, ohne die Bestände restlos vernichtet zu haben, dieser Saddam Hussein soll anschließend, also ohne Druck und ohne eine Gegenleistung zu verlangen, sein gesamtes Arsenal an Massenvernichtungswaffen selbst zerstört haben. Heimlich und freiwillig. Weder der amerikanische noch sonst ein Geheimdienst hat je an diese Geschichte geglaubt. Selbst Hans Blix hat es immer als sein größtes Problem bezeichnet, dass der Irak nicht nachweisen könne, was mit seinen biochemischen Waffen passiert sei.

Es ist seltsam, dass diese Waffen bislang nicht gefunden wurden und Saddam Hussein sie nicht eingesetzt hat. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Noch seltsamer freilich wäre es, wenn die Waffen nicht auftauchen würden. Denn von der Annahme auszugehen, sie seien vorhanden, war vernünftig. Allerdings sollten sich die Amerikaner nicht nur gegen Zweifel, sondern auch Unterstellungen imprägnieren. Die Waffen müssen schnell gefunden und gesichert werden, um der Gefahr ihres Missbrauchs zu begegnen. Das können zur Zeit nur die US-Spezialkräfte. Doch es muss eine unabhängige und glaubhafte Überprüfung der Beweise geben, am besten durch die UN-Inspekteure. Erst wenn die bezeugen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hatte, dürften viele Kritiker des Krieges kleinlaut werden. Stell dir vor, Hans Blix liefert den Grund für einen Krieg, der längst zu Ende ist.

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