China, Japan, Deutschland : Export der Erinnerungspolitik

Chinas Präsident sieht die Deutschen als Vorbild – für Japan. Deshalb will er bei seinem Besuch in Berlin das Holocaust-Mahnmal besuchen. Spielt er damit die deutsche Vergangenheitsbewältigung gegen die japanische Geschichtsamnesie aus?

Manfred Henningsen
Holocaust-Mahnmal in Berlin - ein Beispiel für Japan?
Holocaust-Mahnmal in Berlin - ein Beispiel für Japan?Foto: dpa

Der Präsident der Volksrepublik China, Xi Jinping, wird Ende des Monats Deutschland besuchen und möchte unter anderem in Berlin dem Holocaust- Mahnmal einen Besuch abstatten. Die Bundesregierung scheint nach Presseberichten durch diesen Wunsch in Bedrängnis geraten zu sein: Sie möchte verhindern, dass Xi Jinping diese Gelegenheit benutzt, um die deutsche Vergangenheitsbewältigung gegen die japanische Geschichtsamnesie auszuspielen. Diese Amnesie wird verstärkt durch die wiederholten Besuche des gegenwärtigen Premierministers Shinzo Abe beim Shinto Yasukuni-Schrein in Tokio, der dem Gedenken der seit 1868 gefallenen Soldaten des Kaiserreiches und seit 1975 auch der im Internationalen Militärprozess von Tokio verurteilten und hingerichteten Kriegsverbrecher gewidmet ist.

Manfred Henningsen ist seit 1970 Professor für Politische Wissenschaft an der University of Hawaii at Manoa in Honolulu. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Der Mythos Amerika“ (Eichborn-Verlag, 2009).
Manfred Henningsen ist seit 1970 Professor für Politische Wissenschaft an der University of Hawaii at Manoa in Honolulu. Zuletzt...Foto: privat

Sollte die Bundesregierung wirklich versuchen, den Besuch zu verhindern, lässt sich die chinesische Reaktion voraussehen. Die Bundesrepublik wird daran erinnert werden, dass sie mit dieser Geste den einstmaligen Achsenpartner Nazi-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg vor der Bloßstellung seiner Amnesie bewahrt habe. Diese verständliche Reaktion der Chinesen wird von Südkorea geteilt werden, das wie China den Japanern die deutsche Erinnerungspolitik als beispielhaft entgegenhält. Der Versuch, Xi Jinpings Mahnmal-Besuch zu torpedieren, wird das deutsche Image in Ost-Asien schwer beschädigen und in Japan selbst nur von den Ultranationalisten begrüßt werden.

Über die offizielle Haltung Japans gegenüber dem Terror der kaiserlichen Armee in China von der Eroberung Schanghais im Juni 1937 und der folgenden Mord- und Vergewaltigungsorgie in Nanking wird oft die Meinung verbreitet, dass sich verschiedene Premierminister und auch Kaiser Hirohito und seit 1989 sein Nachfolger, sein Sohn Akihito, wiederholt entschuldigt hätten. Diese Entschuldigungen waren höfliche Floskeln, mit denen keine Kompensationen für die überlebenden Opfer, vor allem die sogenannten ,Comfort Women’, verbunden waren. Schlimmer als diese offizielle Oberflächlichkeit wirkten die staatlichen Versuche, japanische Geschichtsbücher im Geiste der ultranationalistischen Ideologie umzuschreiben.

Präsident Xi Jinpings Besuch in Berlin eröffnet für die Deutschen die Gelegenheit, den Chinesen und Japanern unaufdringlich zu zeigen, wie man mit Kollektiverinnerungen an Gewaltphasen der eigenen Geschichte umgehen kann. In diesem Fall betrifft es zunächst primär die Japaner, die Xi Jinping durch den demonstrativen Hinweis auf das deutsche Vorbild auf die ausstehende Verarbeitung dunkler Kapitel in ihrer Geschichte hinweisen will. Er weiß natürlich, dass diese Geschichtsarbeit seinem eigenen Land noch bevorsteht, auch wenn es in China um die eigene Geschichte und nicht wie in Deutschland und Japan um Gewaltanwendung gegen andere geht. Die Aufarbeitung der chinesischen Erinnerungen an die millionenfachen Opfer des Großen Sprungs Vorwärts in den späten 50er und frühen 60er Jahren, an die Gewalt der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 und an die Opfer von Tiananmen 1989 steht noch bevor und wird in China zweifelsohne mit internen Verdrängungsversuchen konfrontiert werden.

Beim Besuch in Berlin geht es aber um die japanische Verdrängung, die Xi Jinping durch Hinweis auf die deutsche Erinnerungsarbeit zu durchbrechen versucht. Dieses Beispiel wird im Museum in Nanking durch die Darstellung der Rolle, die der Siemens-Manager John Rabe bei der Rettung von mehreren tausend Chinesen 1937/38 gespielt hat, herausgehoben. Sein früheres Wohnhaus ist gleichsam als Minimuseum des „Rape of Nanking“ erhalten. Im Garten des Hauses wird mit vielen Fotos an Iris Chang erinnert, deren Buch über dieses Gewaltkapitel durch die Tagebücher John Rabes an Authentizität gewann und das zugleich die chinesische und globale Öffentlichkeit über, wie es im Untertitel ihres Buches heißt, „The Forgotten Holocaust of World War II“ aufklärte. Der chinesische Präsident wird dieses Buch gelesen haben und möglicherweise dadurch motiviert worden sein, das Mahnmal zu diesem deutschen Makroverbrechen zu besichtigen.

Der Autor ist seit 1970 Professor für Politische Wissenschaft an der University of Hawaii at Manoa in Honolulu. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Der Mythos Amerika“ (Eichborn-Verlag, 2009).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben