Meinung : …China

Harald Maass

China ist ein gefährliches Land, besonders für Fußgänger. Ich spreche nicht von den vielen tausend Führerscheinneulingen, die jeden Monat mit ihren Xiali-Kleinwagen auf die Pekinger Straßen drängen und jeden Zebrastreifen ignorieren. Auch nicht von den „Handabhackbanden“, die in Südchina mit langen Melonenmessern Handtaschen rauben. Viel gefährlicher ist ein neues Hobby der Stadtchinesen: Schoßhunde. In Peking soll es bereits eine halbe Million davon geben. Beliebt sind vor allem kleine Tiere, die man in einer Tasche oder auf einem Kissen herumtragen kann: Morgens nehmen Rentner die Kläffer zum Tai-Chi in die Parks. Im Pekinger Sanlitun-Viertel sieht man abends junge Pärchen, die mit ihren vierbeinigen Lieblingen durch Cocktailbars ziehen. Doch viele dieser Hunde haben ein Problem: Sie sind bissig. Pekings Krankenhäuser sind voll mit Leuten, die von ihren Schoßhündchen angefallen wurden. Als mein Freund Tiancheng seinen Vater im Städtischen Krankenhaus Nummer sechs besuchte, kamen ihm fünf Patienten entgehen, die wegen Beiß- und Kratzwunden von Hunden behandelt werden mussten. Zeitungen und Internetforen berichten bereits über das Phänomen. Vielleicht müssen die Chinesen erst lernen, mit Hunden als Haustieren umzugehen.

Bis vor drei Jahren war es in Peking und anderen Großstädten praktisch unmöglich, einen Hund großzuziehen. 5000 Yuan, rund ein Jahresgehalt eines Arbeiters, kostete damals die jährliche Hundesteuer. Heute ist das sehr viel billiger. Die Regierung hat erkannt, dass Haustiere zum sozialen Frieden beitragen. Wer einen Hund zum Umsorgen hat, so das Kalkül, denkt weniger über politische Revolutionen nach. Vielleicht ist das Verhältnis zwischen Mensch und Tier aber auch sehr viel tiefer gestört, als viele das wahrhaben wollen. Das chinesische Wort für Hund, „gou“, hat einen festen Platz unter Chinas Schimpfwörtern und Beleidigungen. Da gibt es die „kapitalistischen Hunde“. Oder die „japanischen Hundesöhne“. Wenn Chinesen von einem „Hundebein“ sprechen, meinen sie einen gedungenen Schurken. Kann man es den Tieren verdenken, dass sie sich nun rächen und zubeißen? Immerhin gelten Hunde in der chinesischen Küche bis heute als Delikatesse. „Heyefenzheng Gourou“ heißt das dann auf der Speisekarte – „gedämpftes Hundefleisch auf Lotusblättern“. Die alten Chinesen wussten es besser. Schon in der Ming-Enzyklopädie „Sancai Tuhui“ wurden die Vierbeiner in drei Kategorien eingeteilt: Jagdhunde, Wachhunde und Esshunde. Von Schoßhündchen steht da nichts.

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