Meinung : Chinas Herz der Finsternis

Weil der Sudan Öl hat, unternimmt Peking nichts gegen den Völkermord in Darfur

Caroline Fetscher

Für uns im Westen ist die sudanesische Region Darfur so etwas wie ein anderer Planet. Tausende Kilometer entfernt von London, Paris, Berlin oder auch Washington, bevölkert von dunkelhäutigen Leuten, die einander wegen dürrer Landstriche bekriegen, bebildert mit Fernsehszenen von wilden, islamischen Reitermilizen wie zu Zeiten des legendären Briten „Lawrence of Arabia“. Auf der Landkarte erscheint Darfur geografisch zerschnitten von Linien und Schraffierungen, die chinesische Ölkonzessionen markieren. Welch bizarre Weltgegend, oszillierend zwischen kolonialen Klischeebildern, akuter, aktueller Gewalt und fernöstlichen Profitinteressen. Weit, weit weg.

Wirklich so weit? Was derzeit in der sudanesischen Region Darfur geschieht, bezeichnete die Organisation Human Rights Watch schon in ihrem Report vom Dezember 2005 als „ethnische Säuberung“. Sie nannte mindestens 15 mutmaßliche Haupttäter der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Omar al Baschir, der Staatspräsident, führt die Liste an, doch auf ihr finden sich auch mittelgroße Fische wie Ahmed Harun, ein früher Staatssekretär der islamistischen Regierung in Khartum, und Ali Koscheib, Kopf der sogenannten Dschandschawid-Milizen, die von der Regierung in ihrem Terror und ihrer Willkürherrschaft „heimlich“ unterstützt wird. Wen aber, außer einer Handvoll Lobbygruppen aus Menschenrechtlern, interessierten solche Namen? Aus einem Meer der Anonymität tauchen immerhin diese beiden, Harun und Koscheib, in Klageschriften des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag auf, die Chefankläger Luis Moreno-Ocampo jetzt veröffentlicht hat. Ermittler des IStGH unternahmen zahlreiche Exkursionen in die Krisenregion, um sich dann auf diese beiden zu einigen.

Doch auf aktive Zusammenarbeit der Sudanesen, die von 1991 bis 1996 Osama bin Laden Asyl gewährten, mit dem IStGH kann der Gerichtshof derzeit kaum hoffen, die völkerrechtliche Geste hat mehr symbolischen Charakter. Zwei wesentliche Ebenen weist der Konflikt im Südwestsudan auf. Einerseits suchen sich etwa vier Millionen nichtmuslimische „Afrikaner“ in dem agrarisch kargen Gebiet ihren Lebensunterhalt in Konkurrenz mit etwa anderthalb Millionen islamisch-arabischen Bevölkerungsanteilen. Auf der anderen Seite lagern unter dem harten Boden aber auch zigtausende Liter Erdöl, ein Schatz den die Regierung in der Hauptstadt an landeseigene Konzessionäre sowie Investoren aus Malaysia und vor allem an die China National Petroleum Corporation vergeben hat.

China, Vetomacht im Weltsicherheitsrat, hat nicht das geringste sentimentale Interesse, die Pipeline ins Rote Meer durch humanitäre, militärische Interventionen zu gefährden. Woher also soll der juristische und politische Druck auf Sudan kommen, solange eine dermaßen starke Weltmacht eine Schlüsselrolle innehat? Immerhin, auch EU-Mitglieder wie Schweden und Österreich spielen oder spielten als Ölprofiteure im Sudan eine Rolle und könnten sich regen. So weit ist der Völkermord von der EU gar nicht entfernt.

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