Meinung : Chips tragen keine Verantwortung

Jost Müller-Neuhof

Langsam ahnen wir es. Das Verschwinden der Grenzkontrollen in Europa hat nicht zur Folge, dass wir Pässe oder andere Ausweise in der Tasche lassen können. Wir bekommen neue und sollen sie auch vorzeigen. Eine solche Idee ist der Gesundheitspass von Ulla Schmidt. Der Posten kurbelt den Schlagbaum zur Heilstätte erst hoch, wenn er Bescheid weiß über einen. Das spart und schafft Sicherheit, sagt die Ministerin. Gute Wünsche. Vielleicht vermag der Gesundheitspass sie diesem Ziel näher bringen. Dennoch bleibt er das falsche Mittel.

Zunächst: Operationen, Diagnosen, Pillen und Röntgenbilder, das sind nicht irgendwelche Daten. Der Mensch mag im Kampf gegen den Terrorismus seinen Körper vermessen und in Referenzdateien speichern lassen. Aber wirklich teuer sind ihm seine Krankheiten. Eine Iris-Analyse kann ausschließen, dass jemand als Terrorist gesucht wird. Eine bekannt gewordene körperliche Schwäche kann ausschließen, dass jemand eine Arbeit findet oder vernünftig versichert wird. Möglich, dass Ulla Schmidt deshalb keinen Pflicht-Pass will. Doch mit der Ankündigung, Versicherte ohne Pass stärker zu belasten, schminkt sie den Zwang nur.

Selbst wenn einige Menschen häufig und gern über ihre Gebrechen reden - sie bleiben ihr Privatestes. Wer sie für andere lesbar speichern will - sei es auf der Chipkarte, einem Zentralcomputer oder sogar auf der Chipkarten-Geheimdatei, die nur ein Lämpchen flackern lässt, wenn ein unpassendes Medikament verschrieben worden ist -, der darf nicht nur von Zweckmäßigkeit sprechen. Der muss die Schranke eines Grundrechts überwinden. Und Kostensenkung ist dafür das schlechteste Argument.

Ein besseres könnte sein, den Patienten vor sich selbst zu schützen und von Geld nur am Rande zu reden. Gerade alte und chronisch kranke Menschen verursachen nicht nur die bei weitem höchsten Kosten, sie haben auch den kompliziertesten medizinischen Status. Bei ihnen anzusetzen, wäre eine ökonomisch und juristisch sinnvolle, weil gezielte Maßnahme. Aber wir hätten ein schlechtes Gewissen. Denn: wenn überhaupt - sollte es dann nicht alle treffen?

Ein neuer Chip oder Magnetstreifen, eine neue Scheckkarte, elektronischer Datenabgleich und kein Papierkram mehr, das schmeckt nach weniger Bürokratie und echter Modernisierung. Der Gesundheitspass wird Ulla Schmidt so zum Heilsversprechen für ein krankes System. Aber in Wahrheit geht sie den falschen Weg einen Schritt weiter. Der große Datenspeicher taugt nicht zum Gesunden. Ein Patient ist mehr als die Summe seiner Krankheiten, und ein Arzt führt keine Wartungen durch. Beide Tendenzen, die den medizinischen Alltagsbetrieb schon heute zu sehr unterströmen, werden durch den Vorschlag noch verstärkt. Uns werden schwierigere Probleme gestellt. Eines davon ist, wie man es schafft, dass ein gut ausgebildeter Arzt dauerhaft einen Patienten betreut. Denn beide müssen dazu gebracht werden, wieder mehr Verantwortung zu tragen. Ein paar bit Speicherplatz sind zu schwach dafür.

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