Cholera : Weitgereistes Bakterium

Schleppten UN-Soldaten die Cholera nach Haiti? Das Bakterium "Vibrio cholerae", das hauptsächlich durch mit Fäkalien verunreinigtes Trinkwasser übertragen wird, kommt in der Karibik normalerweise gar nicht vor.

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Zehn Monate nach dem verheerenden Erdbeben ist in Haiti jetzt auch noch die Cholera ausgebrochen. Das Gesundheitsministerium in Port-au-Prince zählte bis vergangenen Freitag rund 1000 Tote und 15 000 Erkrankte. Die tatsächlichen Zahlen dürften weit darüber liegen, da die offizielle Statistik nur Meldungen der größeren Krankenhäuser berücksichtigt. Bis dorthin schaffen es Schwerkranke aus dem Hinterland des Inselstaates jedoch nur selten.

Seit dem Erdbeben am 12. Januar 2010, bei dem etwa 250 000 Menschen starben und 1,5 Millionen obdachlos wurden, flossen bisher über 2,5 Milliarden Euro Hilfsgelder in das Land. Die Vereinten Nationen (UN) und nichtstaatliche Hilfsorganisationen versichern, die Cholera-Epidemie sei trotzdem nicht zu verhindern gewesen. Die Haitianer sehen das allerdings ganz anders. Die ehemalige französische Kolonie ist zwar einer der am wenigsten entwickelten Staaten der Erde – doch Probleme mit der Cholera gab es hier nie. „Mikwòb pa touye Ayisyen“ sagen die Kreolen trotzig, Mikroben töten keine Haitianer. Schuld an der Seuche seien die ungeliebten UN-Soldaten, die seit dem Sturz des Präsidenten Jean-Bertrand Aristide im Jahr 2004 im Land sind. Bei Massenprotesten am Montag erschossen die Blauhelme einen Demonstranten, laut UN-Angaben in Notwehr.

Dass die Bevölkerung des einstigen Sklavenstaates, die mehrheitlich Voodoo und andere spiritistische Rituale praktiziert, ausgerechnet die UN-Helfer für ihr Unglück verantwortlich macht, wirkt auf den ersten Blick ziemlich abwegig. Doch molekularbiologische Untersuchungsergebnisse scheinen ihnen Recht zu geben.

Dass nach dem Haiti-Erdbeben die Cholera ausbricht, war eigentlich kaum zu erwarten. Das Bakterium „Vibrio cholerae“, das hauptsächlich durch mit Fäkalien verunreinigtes Trinkwasser übertragen wird, kommt nämlich in der Karibik gar nicht vor – sonst hätte es angesichts der katastrophalen sanitären Verhältnisse in Haiti schon lange vor dem Beben eine Cholera-Epidemie gegeben.

Dass die Wasserfilter und Toilettenhäuschen der Hilfsorganisationen die Seuche bisher verhindert hätten, ist auch aus einem zweiten Grund abwegig. Die Cholera brach nämlich nicht in der vom Erdbeben zerstörten Region rund um die Hauptstadt Port-au-Prince, sondern über hundert Kilometer nördlich im Gebiet des Flusses Artibonite aus. Die ahnungslose Landbevölkerung infizierte sich mit dem Flusswasser und schleppte die Krankheit in die Slums der Städte und die Lager der ehemaligen Erdbebenregion. Doch wie konnte der Erreger auf einmal im haitianischen Hinterland auftauchen?

Die Antwort lieferte jetzt eine molekularbiologische Untersuchung der US-Seuchenbehörde CDC: Der in Haiti grassierende Vibrio cholerae gehört zu einem besonders aggressiven, asiatischen Stamm der Serogruppe O1, Subtyp Ogawa, der diesen Sommer eine Epidemie in Nepal verursachte. Die US-Seuchenbehörde hält sich zwar offiziell mit Anschuldigungen zurück. Doch jeder Haitianer weiß, dass an einem Zufluss des Artibonite die nepalesische UN-Kaserne liegt. Wenige Wochen vor dem Ausbruch der Cholera war dort eine neue Einheit aus Kathmandu eingetroffen.

Die UN weisen jede Schuld von sich und verweisen darauf, dass bei Abwasseruntersuchungen der Kaserne keine Cholerabakterien gefunden wurden. Allerdings sind Vibrionen aus Umweltproben nicht einfach nachzuweisen. Die in der Dominikanischen Republik durchgeführten Tests sprechen deshalb nicht gegen die naheliegende Erklärung, dass die Cholera von Blauhelmen aus Nepal eingeschleppt wurde. In Nepal ist Vibrio cholerae weit verbreitet. Weil die Bevölkerung teilweise immun ist, verläuft die Krankheit hier meist harmlos. Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass die UN-Soldaten vor ihrem Einsatz nicht auf Cholera untersucht wurden. Entgegen dem kreolischen Sprichwort ist die Mikrobe für Haitianer, die keinerlei Immunität besitzen, jedoch oft tödlich.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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