Meinung : Choreografie des Grauens

Der Krieg der Bilder ist auch heute nicht identisch mit dem Bild des Krieges

Peter von Becker

Das Entsetzen über die Fotos der gefolterten und gedemütigten Kriegsgefangenen im Irak löst zunächst die notorischen und plausibelsten Reaktionen aus. Wer sind die Verantwortlichen, wie konnte es dazu kommen, wird gefragt – und: Sind die Bilder in einer Zeit der digitalen Fälschbarkeit auch echt? Wahrscheinlich sind sie es, dafür spricht schon die Tatsache, dass Kriege niemals so technisch-aseptisch oder gar so menschenrechtsbewusst geführt werden (können), wie es Politiker, Generalstäbe oder sogar UN-Deklarationen einem weismachen wollen. Fragen muss man jetzt auch, warum die Bilder, die etwa dem amerikanischen Sender CBS schon mehrere Wochen vorlagen, so lange zurückgehalten wurden; ob es bei solch ungewöhnlicher Diskretion nur um den Schutz gefährdeter Geiseln oder um eine die Unabhängigkeit der Medien aushöhlende Kollaboration mit der Politik ging.

Das sind die gleichsam konventionellen Fragen in Zeiten der neuen Kriege, des neuen Terrors. Inzwischen aber suggerieren manche Kultur- und Medienkritiker mit Blick auf das Verhältnis von Kriegs- und Terrorbildern zur dargestellten Wirklichkeit einen vermeintlich neuen Zusammenhang. Die stark vereinfachte These ist, es werde, wie jetzt in Bagdad, nicht nur vor, sondern auch „für die Kamera gefoltert“ – so die „Süddeutsche Zeitung“, die gestern eine Reflexion zu diesem Thema mit Fotos von nackten Opfern des einst skandalisierten Pasolini-Films „Die 120 Tage von Sodom“ konterte mit einem Haufen nackter Männerleiber auf einem der sexuellen Demütigungs-Fotos aus dem Gefängnis von Bagdad. So als sei von den rüden GIs im Kerker Abu Gharib auch ohne feinsinnige Kenntnis Pasolinis dessen Choreografie des Grauens gleichsam nachgestellt worden. Hier verschiebt sich nun der politische Diskurs ausdrücklich ins Ästhetische.

Sind die Bilder einer ungeheuerlichen Wirklichkeit das Obszöne oder ist das wahre Skandalon nicht zuerst die widergespiegelte Realität? Diese moralisch scheinbar leicht zu klärende Frage hat über Jahrhunderte tatsächlich weniger die Politik und eher die Kunstgeschichte betroffen. Kirchliche oder weltliche Herrscher machten lieber den Bild-Boten für die unschöne Botschaft verantwortlich als sich selbst. Dazu neigen bei schlechten Nachrichten zwar auch heute noch die Betroffenen, nicht nur in der Politik. Aber die Frage nach dem eigentlichen Skandal schien sich in der demokratischen Mediengesellschaft von alleine zu beantworten – solange Bilder beispielsweise von Kriegs- oder Verbrechensopfern vor allem zeitgeschichtliche Zeugnisse und nicht nur voyeuristische Spekulationen darstellten.

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist indes geradezu inflationär von der „Macht der Bilder“ die Rede. Die immense Wirkung der New Yorker Attacke hatte natürlich mit dem so nie gesehenen Antlitz der Katastrophe zu tun – Horror und Terror der Moderne haben in den unfasslich heranfliegenden Maschinen und im Feuersturz der Doppeltürme für alle Welt ihr Symbol gefunden.

Klar und nahe liegend ist, dass nicht nur Terroristen wie Osama bin Laden den Einfluss von Medienbildern kennen und in ihren Videobotschaften nutzen. Aber rechtfertigt dies die postmoderne Variante, 40 Jahre nach Marshall McLuhans legendärer Devise „the medium is the message“ nun jeglichen politischen, militärischen oder auch terroristischen Akt mit seiner medialen Widerspiegelung kurz- und gleichzuschließen? Schon lasen wir ja, dass selbst der Mob von Falludscha bei der Schändung der amerikanischen Soldaten vor allem an die aufstachelnden Fernsehbilder gedacht habe, der Mord also sei das Medium. Soweit solche Spekulationen damit auch Kausalitäten erklären möchten, machen sie freilich die Henne zum Ei.

Denn vor der Gewalt der Bilder ist immer eine Gewalt, die selbst ohne Abbild existiert. Doch immer gab es die Lust, die Eitelkeit des Gewalttäters und Folterers, seine Allmacht auch symbolisch zu verewigen. Nicht zuletzt dieser Infamie verdanken wir die meisten Fotos und (wenigen) Filmaufnahmen auch des Holocausts oder der Verbrechen der Wehrmacht. In neuerer Zeit machen Videos dieses Geschäft immer leichter. Der afrikanische Warlord Prince Johnson ließ bereits 1990 den gekidnappten liberianischen Präsidenten Samuel Doe vor laufender Videokamera zu Tode foltern. Und allein die Abgründe des zivilen Internets öffnen weltweit neue Folterkammern. Dabei aber verharmlost das Vokabular der Virtualisierung den realen Schrecken. Bilder des Krieges und der Folter gehören gewiss auch zum Krieg der Bilder. Doch der Krieg und die Folter übersteigen noch allemal unsere Bildvorstellungen. Daran hat sich seit Boschs und Goyas Zeiten nichts geändert.

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